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Unsicherheit: Gar keine schlechte Idee!

2. Juni 2014
Unsicherheit

Kennst du Unsicherheit?

Ich kann mich genau daran erinnern, wann ich meine Unsicherheit das erste Mal wahrgenommen habe. Wir sollten in der Schule ein Referat über unser Lieblingsbuch halten. Leider wusste keiner der Schüler, wann er dran kommt. Jeden Tag schlotterte ich, konnte nachts nicht schlafen – denn ich hatte Angst und fühlte mich erbärmlich unsicher. Schon allein der Gedanke, vor der ganzen Klasse etwas vorzutragen, ließ mich erschaudern.

Es kam der Tag, an dem mein Name aufgerufen wurde. Ich erstarrte zu Stein und war nicht in der Lage, etwas zu sagen. Ich weigerte mich nach vorn zu gehen, mich vor die Klasse zu stellen und mein Referat zu halten. Ich kassierte eine 6 und fühlte mich mies. Diese und weitere Unsicherheiten zogen sich gemütlich durch mein Leben.

Als Jugendliche hasste ich es, vor anderen Leuten zu telefonieren, bekam richtig Herzrasen und machte immer ein großes Drama – bis alle das Zimmer verließen. Im Freibad blieb ich angezogen, bei 35 Grad , weil ich mich schämte meinen Körper zu zeigen. Ich hatte Angst vor dem Urteil anderer.

Heute ist es anders. Yoga hat mir geholfen, mich innerlich zu stärken, mir Kraft zu geben. Ich mag zwar immer noch nicht im Büro vor den Kollegen telefonieren, weil ich Angst habe, dass mir meine Stimme abhanden kommt. Aber ich muss. Das heißt: Jeden Tag aufs Neue verlasse ich meine Komfortzone. Ich bewundere Menschen, die mit Leichtigkeit an Herausforderungen herangehen. Ich brauche da in manchen Situationen einfach ein bisschen länger.

Ich gehe ungern auf Geburtstage, große Veranstaltungen oder gut besuchte Yogaklassen. Ich fühle mich komplett schutzlos und unsicher. Ich möchte mich am liebsten verstecken. Das Schöne ist: Ich kann diese Unsicherheit mittlerweile gut beobachten und mich herrlich über meine Charakterzüge amüsieren.

Früher habe ich immer krampfhaft versucht, Unsicherheit zu vertuschen. Mittlerweile beginne ich dieses Gefühl innerlich willkommen zu heißen und einfach sanft zu bleiben. Nichts dagegen zu tun. Mich einfach anzunehmen, so wie ich bin. Unsicherheit hat viel mit Angst zu tun – etwa nicht perfekt zu sein, nicht zu reichen oder etwas nicht gut genug zu machen. Kann ich das bewusst erkennen, kann ich mich selbst besänftigen. Da hilft mir meine regelmäßige Meditationspraxis sehr.

Es gibt einfach Eigenschaften, die man liebevoll akzeptieren sollte, Charakterzüge, die uns ausmachen. Wenn wir von diesem Wissen um unsere Eigenarten Gebrauch machen, kann etwas ganz Schönes entstehen. Wir können uns mit ihnen verbinden und an ihnen wachsen. Ich glaube jeder hat Eigenschaften an sich, die er nicht mag. Oft kämpfen wir gegen diese an und werden nie richtig glücklich. Deshalb rate ich:  Verbünde dich mit ihnen. Dann wird  Unsicherheit plötzlich zu Selbstvertrauen. Versprochen!

Bist du auch manchmal unsicher? Was ist dein Werkzeug? Ich bin neugierig!

 

Photo Credit: escuchoelecodetuvoz 

Madhavi Guemoes
Madhavi Guemoes dachte mit 15, dass sie das Leben vollständig verstanden habe, um 28 Jahre später zu erkennen, dass dies unmöglich ist. Sie arbeitet als freie Autorin und Vollzeit-Bloggerin in Berlin und ist Mutter von zwei Kindern. Wenn sie nicht in die Tasten haut, versucht sie auf dem Kopf zu stehen. Madhavi praktiziert seit mehr als 25 Jahren Yoga - was aber in Wirklichkeit nichts zu bedeuten hat.
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  • Frau Koriander
    3. Juni 2014 at 8:55

    Mutig,dass hier so offen aufzuschreiben.
    Du wirkst nämlich (zumindest beim Schreiben) total selbstsicher.
    Mir geht es ähnlich wie dir: Irgendetwas vor andern Leuten machen ist der Horror,
    ganz besonders, etwas vorzutragen.
    Bis jetzt habe ich für mich da leider keine Lösung gefunden.

  • Madhavi Guemoes
    3. Juni 2014 at 10:53

    Du Liebe, danke für Deine Worte. Ja, es hat sich auch ein wenig gebessert. Baustellen gibt es aber immer wieder 🙂 Das gehört wohl zum Leben dazu.

  • Anke
    3. Juni 2014 at 11:16

    solch Momente kenn ich gut, ich stell mir dann oft vor was im schlimmsten Fall passieren könnte und überzieh das mächtig in meiner Fantasie, oft muss ich dann lachen und schon ist der Druck weniger geworden 😉

  • Madhavi Guemoes
    3. Juni 2014 at 11:45

    Danke für Dein Feedback. Ich glaube Kopfkino kennt jeder – ich auch! 🙂

  • Carolin
    3. Juni 2014 at 12:14

    Oh ja, das mit dem Telefonieren kenne ich nur zu gut! Früher habe ich dann immer angefangen zu stottern. Irgendwann fand ich dann, dass es reicht und bin Mitglied in einem Debattierclub geworden und habe angefangen auf meine Atmung zu achten. Seitdem kostet es mich zwar immer noch Überwindung, vor anderen Leuten zu sprechen, aber sobald ich dann angefangen habe, geht es.

  • Madhavi Guemoes
    3. Juni 2014 at 12:45

    Oh, da bin ich echt beruhigt, dass ich nicht die Einzige bin 🙂 Ja, auf die Atmung achten ist ein sehr kluger Rat. Vielen Dank dafür!

  • Katrin
    4. Juni 2014 at 18:18

    Ich finde das 1:1 Sprechen mit einem Vorgesetzen viel schlimmer. Oder wenn ich gezielt darauf achten muss, wie ich mich ausdrücke. Dann beginne ich zu stottern, verwurschtel die Sätze komplett oder mache mich auf irgend einer anderen Art und Weise zum Trottel =) Ich versuche anzunehmen, dass es so ist und lache hier und da selbst über mich. Das ermöglicht mir, mir selbst zu verzeihen. Wie schon erwähnt hilft es mir manchmal wirklich im Vorfeld bewusst zu atmen, weil es einen automatisch beruhigend wirkt =)
    Das „Augen zu und durch- Prinzip“ funktioniert manchmal auch =)
    Liebe Grüße

  • Madhavi Guemoes
    4. Juni 2014 at 18:38

    Ja, das kenne ich auch. Vor allem, wenn ich weiß, dass die Person mir verbal überlegen ist. Augen zu und durch – daran arbeit ich noch 🙂 Danke für Dein Feedback!

  • Christiane
    27. Juni 2014 at 5:19

    Wow toller Artikel. Das hätte ich gar nicht gedacht, dein Schreibstil ist wirklich sehr „selbstbewusst“ Ich kenne diese Gefühle auch gut und Yoga, Reisen und älter werden haben mir schon viel dabei geholfen. Ich musste so schmunzeln bei der Referatssituation. Das habe ich ähnlich erlebt: Wir sollten in der 7. Klasse auch ein Buch präsentieren, mein Referat habe ich in 2 Minuten runtergestottert… ich glaube es gab eine 5 😉 Viele Liebe Grüße, Chrissy

  • Madhavi Guemoes
    27. Juni 2014 at 9:03

    Ach wie mies, für den Mut hätte ees aber eine 2 geben müssen, nicht? Ach, die lieben Lehrer…..

  • Nadine
    9. Februar 2015 at 10:03

    Liebe Madhavi,
    Wow, dieser Artikel macht mir Mut. Meine größte Hemmung ist es vor Gruppen zusprechen.
    Das ist quasi mein Jahresziel 2015.;-) Ich habe hier in einer für mich sehr wichtigen Zeit das große Buh mit Schmerz und emotionalem Blutvergießen erlebt, stand beim Referat auch mit Blockade, trockenem Mund und zitternden Knien und habe hier große Ängste.
    Insbesondere in Gruppierungen von mehreren Mädels ziehe ich mich lieber zurück.
    Aber ich bin ein starkes Mädchen. 🙂 Ich gehe immer gerne rein, wo es unangenehm ist, denn hier liegen ja bekanntlich unsere Aufgaben. Zur Zeit bin ich in meiner ersten Yogaausbildung und gehe hier richtig auf. Wie ich jemals eine 90Minutensequenz schnittig und inspirativ gestalten soll, …who knows. Aber ich will. …Und ähnlich wie in meinem eigentlichen Job als Therapeutin, wo der Gedanke zuvor auch der war, „wer bin denn ich, dass ich den Leuten…“, wird mir auch das gelingen!
    Danke für Deinen Text,
    Nadine

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