Seelenfutter

Souspiration // Umarmt eure Schattenseiten

24. Januar 2015
Schattenseiten

Vor ein paar Tagen ging es mir richtig mies. Ich konnte mich drehen und wenden wie ich wollte, nichts änderte sich. Ich war antriebslos, traurig und fühlte mich von allen verlassen und verloren.

Ich hatte Zeit zum Nachdenken. Nur das ich überhaupt nicht denken wollte. Ich wollte funktionieren. Wie immer. Ich wollte Leichtigkeit. Kraft und Stärke. Es passierte das Gegenteil. Es war überwältigend und nichts ging mehr. Ich versuchte mich zu verstehen und bekam keine Antwort. Ich legte mich ins Bett, zog mir die Decke über den Kopf und gab mir Raum abzutauchen.

 Zweifel ist normal

Wir haben alle Tage, an denen wir an uns zweifeln, Existenzängste haben, wütend sind oder gekränkt. Keiner mag es, sich elend zu fühlen. Die Kontrolle über Kopf und Herz zu verlieren. Dennoch ist es ein Teil von uns. Es passt heutzutage nicht so gut ins Bild, wenn jemand nicht in Heidi Klum Laune ist. Als das Baby meiner Freundin mit sechs Monaten starb, weil es an einem Hustenanfall erstickte, wurden ihr genau vier Monate Trauerzeit eingeräumt. Als sie dann immer noch ein Häufchen Elend war, sagte der Mann Adieu und die Freundinnen rieten ihr, doch mal nach vorn zu schauen, und sich abzulenken.

Es ist nicht alles positiv im Leben

Uns geht es nicht ununterbrochen gut. Das Leben ist nicht immer Disneyland, das braucht uns auch keiner vorzugaukeln. Warum stehen wir nicht zu dem was ist? Eine Beziehung ist nicht nur leicht. Manchmal fehlt das Geld. Ab und zu gibt es keinen Urlaub. Krankheiten. Fehlgeburten. Tod. Trauer. Warum reden wir nicht darüber? Da stirbt die Mutter und das Trauern wird sich selbst verboten. Weiter geht’s im Hamsterrad. Wir geben uns keinen Raum.

Man bekommt das Gefühl, nicht „in Ordnung“ zu sein, wenn man mal traurig durch die Gegend läuft. Schaut man sich die Yogaszene an, entdecke ich nur glückliche, zufriedene Menschen. Aber ist es wirklich so? Machen wir uns nicht etwas vor? Unter dem Deckmantel der Spiritualität versuchen wir doch gern unsere Schattenseiten zu verstecken, oder nicht?

Können wir alle ständig glücklich und edelmütig sein? Ich weiß nicht, ob ich die Einzige bin, doch Yoga macht mich nicht immer glücklich – das hat es mir auch nicht versprochen.

Manchmal komme ich an Dinge, die ich nicht sehen möchte und werde mit meinen dunklen Seiten konfrontiert. Nach einer Yogastunde kann es auch sein, daß ich heulend nach Hause fahre. Aber darüber redet keiner. Yoga macht froh.

Wo viel Licht ist, ist auch viel Schatten

Tief in unserem Inneren gibt es einen Ort, dem wir nicht begegnen wollen, der aber dennoch zu uns gehört. Man nennt ihn „Schatten“. Wir finden dort alle Charaktereigenschaften, die wir nicht sehen wollen. Nicht annehmen wollen. Verdrängen. Man sagt nicht umsonst: wo viel Licht ist, ist auch viel Schatten. Macht man sich diesen Ort nicht bewußt, oder versucht ihn vehement zu verdrängen, spalten wir uns und blockieren unser Prana. (Lebenskraft)

Der „Schatten“ ist Teil unserer Persönlichkeit, den wir sehr gern verstecken, weil wir glauben, daß er uns nicht „richtig“ erscheinen lässt. Wir gehen so weit, daß wir ihn verleugnen und unheimlich viel Kraft aufwenden, ihm nicht zu begegnen. Wir möchten nicht in die eigenen Abgründe schauen, was ja auch verständlich ist.

C. G. Jung war einer der ersten Therapeuten, der den Bereich des „dunklen Schattens“ entdeckte. Ein schönes Zitat von ihm: „Der Schatten ist alles das, was du auch bist, aber auf keinen Fall sein willst.“

Geben wir ständig vor, sanft und gutmütig zu sein, müssen wir uns auch erlauben, wütend und neidisch sein zu dürfen. Nähren wir unser Licht, nähren wir auch gleichzeitig unseren Schatten. Es braucht eine Balance und kein Abwürgen.

Zeigen wir unsere Schattenseiten, entwickeln wir Authentizität. Selbstliebe bedeutet, Licht u n d Schatten in sich zu sehen und positiv zu betrachten. Sich in aller Form erlauben zu SEIN. Wie viele Menschen zeigen nie ihr wahres Gesicht, weil sie Angst haben, nicht gemocht zu werden?

In jedem von uns schlummern neben den positiven auch alle negativen Charaktereigenschaften wie Egozentrik, Schwäche, Gier, Neid oder Missgunst.  Es geht darum, sich mit diesen Eigenschaften auszusöhnen und sie nicht zu unterdrücken. Tun wir es aber doch, nehmen diese Eigenschaften uns in den Besitz und verstärken sich schlimmstenfalls.

Maske beiseite legen

Es wäre so schön, wenn wir die jahrelang erschaffenen Masken beiseite legen könnten und dazu stehen würden, daß wir nicht nur gut drauf sind, die Beziehung nicht immer rosig ist, auch gern lästern und nicht allzeit großzügig sind. Schaue dir deinen Schatten mal liebevoll an und picke dir eine Charaktereigenschaft heraus. Teile sie mit jemanden, als würdest du ein Geheimnis preisgeben. Sage zum Beispiel: „manchmal bin ich echt total neidisch auf Soundso, der bekommt immer die geilsten Jobs und ich gehe immer leer aus…das gebe ich zwar nicht gern zu aber es ist die nackte Wahrheit.“ Danach schließe die Augen und nimm wahr, wie befreit es sich anfühlt, dazu zu stehen. Laßt uns ganz natürlich menschlich sein.

Es ist nie zu spät, nach innen zu schauen und sich mit der eigenen Ganzheit auseinanderzusetzen.

#staytrue

Madhavi

© Dominik The Who

Madhavi Guemoes
Madhavi Guemoes dachte mit 15, dass sie das Leben vollständig verstanden habe, um 28 Jahre später zu erkennen, dass dies unmöglich ist. Sie arbeitet als freie Autorin und Vollzeit-Bloggerin in Berlin und ist Mutter von zwei Kindern. Wenn sie nicht in die Tasten haut, versucht sie auf dem Kopf zu stehen. Madhavi praktiziert seit mehr als 25 Jahren Yoga - was aber in Wirklichkeit nichts zu bedeuten hat.
Madhavi Guemoes on EmailMadhavi Guemoes on FacebookMadhavi Guemoes on InstagramMadhavi Guemoes on PinterestMadhavi Guemoes on Twitter
  • Frau Süd (@FrauSued)
    17. Juni 2013 at 18:02

    Danke.

  • Anne K
    17. Juni 2013 at 18:27

    Du hilfst mir gerade wirklich sehr. Ich habe den Artikel angefangen zu lesen und mich dazwischen ganz schrecklich gestritten, wobei meine Angewohnheit anderen Leute unglaublich unsachliche und fiese Argumente an den Kopf zu knallen nach vorne gekommen ist und ich jetzt da stehe und mich irgendwie dazu verhalten muss. Danke schön.

  • Nicole
    17. Juni 2013 at 19:35

    den Nagel auf den kopf getroffen, sehr schön. es gibt eben viele tage, an denen auch das Yoga und das „innere Licht“ nüscht bringt. gibt ein tolles buch dazu „Schatten auf dem Pfad.

  • michaela
    17. Juni 2013 at 19:50

    Diese Phasen des Zweifelns hat tatsächlich jeder mal. Man darf sich dadurch nur nicht vom Weg abbringen lassen.

    Dass Beziehungen nach dem Tod eines Kindes zerbrechen ist nicht unüblich. Männer sind meist nicht in der Lage, ihre (auch verletzten) Gefühle nach außen zu tragen. Sie trauern stark, nur eher nach innen. Und vielleicht fehlt ihnen lediglich die Kraft, ihre eigene Trauer plus die der Partnerin zu tragen. Überforderung. Dies scheint mir der Grund für viele Ereignisse in meiner Umgebung in letzter Zeit zu sein. Die heutige Zeit – so pathetisch das auch klingen mag – verlangt uns unheimlich viel ab. Wir geben nicht die Geschwindigkeit der Tretmühle vor, in der wir stecken. Nein. Die Tretmühle wird immer schneller, und wir müssen Schritt halten.

    Oder? Müssen wir? Tja… who knows.

    Ganz liebe Grüße
    M.

  • tjbec
    17. Juni 2013 at 19:53

    Liebe madhavi!

    Sehr schöner Beitrag und sehr wahr…

    Liebe Grüße Rebecca

  • healingyoga
    17. Juni 2013 at 19:58

    balsam für die seele, liebe madhavi ! danke ! oh, und den teil mit dem kind, das als arrogant bezeichnet wird, kann ich besonders gut nachempfinden – so war es war bei mir nämlich auch ! dabei wird arroganz wird auch schnell mal mit selbstliebe verwechselt…❤

  • Madhavi Guemoes
    17. Juni 2013 at 20:51

    :-)))) xxx Madhavi

  • Madhavi Guemoes
    17. Juni 2013 at 20:52

    Danke, Rebecca! xxx Madhavi

  • Madhavi Guemoes
    17. Juni 2013 at 20:53

    Das stimmt!!!! <3

  • Frau Momo
    18. Juni 2013 at 6:51

    Das passt ja mal wieder wie die Faust auf´s Auge, liebe Madhavi! Ich habe gestern den Film (Das Schatten-Prinzip) dazu gesehen und kann nur bestätigen, was du schreibst! Grad beim Yoga kommt bei mir unheimlich viel hoch, in Bewegung. Und manchmal hab ich echt das Gefühl, als sei ich die Einzige, die davon spricht. Und ich spüre den Druck, dass es doch gut sein soll endlich. Naja, den mache ich mir wohl v.a. selbst – dabei ist das Leben immer dual – wo Licht ist, ist auch Schatten. Und die Gefühle sind einfach. Und sie sind niemals gut oder schlecht. Wir sind es, die sie bewerten, wegdrücken, bis es dann „schräg“ wird. Aber hey: Dann sind wir halt auch mal schräg! Das ist menschlich. Und es ist echt.

    Was immer war/ ist: Ein liebe Umarmung von mir,
    Frau Momo

  • Madhavi Guemoes
    18. Juni 2013 at 21:05

    Oh, den Film muß ich mir mal anschauen. Danke für Deine tollen Worte. xxx Madhavi

  • Sue von HappyIch
    25. Juni 2013 at 14:47

    Danke Madhavi! Ein wunderbar, ehrlicher und seelennackter Artikel! Ich weiß genau was Du meinst! Und es hat mich sofort an die Transformations-Therapie nach Robert Betz erinnert. Denn Dein letzter Satz ist auch seiner! All das negative annehmen und da sein lassen. Um etwas gehen lassen zu können, darf man es erst annehmen. Denn wenn man es nur verdrängt und unter den Teppich kehrt, ist es halt immer noch da.

    Alles Liebe
    sue

  • Madhavi Guemoes
    3. Juli 2013 at 18:27

    Liebe Sue, ja, das stimmt. Wir können uns nur immer wieder darin üben….xxx Madhavi

  • Rafaela
    30. Januar 2015 at 16:11

    Madhavi,

    DU BIST WUNDERBAR!!!
    Danke für diesen Artikel…lasst uns ganz natürlich menschlich sein…hoffe wir zwei schaffen es ganz bald auf nährende Rohkost.

    Fühl Dich geherzt,

    Rafaela

  • Nicole
    31. Januar 2015 at 10:01

    Liebe Madhavi,
    Dein Artikel spricht mir im Moment so sehr aus der Seele! Vielen Dank dafür, sei umarmt!

    Nicole

  • Kathrin
    31. Januar 2015 at 17:39

    Da liegt wohl im Moment was in der Luft! Habe auch gerade darüber geschrieben 😉
    Yoga hilft mir übrigens immer. Nein, macht nicht glücklich, aber erdet und bringt mich wieder zu mir selber. Und das tut einfach gut.
    Herzlich! Kathrin

  • Nadja
    31. Januar 2015 at 17:48

    Ein sehr schöner Artikel und irgendwie auch beruhigend, dass es hier vielen immer mal wieder so geht. So war auch meine Woche. Blöd. Aber letztlich geht es doch immer weiter…hoch und runter und dann auch wieder hoch … und runter. Fühl dich gedrückt und verstanden. Liebe Grüße :*

  • Madhavi Guemoes
    31. Januar 2015 at 19:56

    Och, Du Liebe! Umarme Dich! Lass bald mal wieder telefonieren!

  • ilka
    31. Januar 2015 at 20:22

    Liebe Madhavi,

    So viele ehrliche und echte worte!es ist eine echte Gabe all das in die richtigen Worte zu packen und zu berühren.
    Danke

  • Madhavi Guemoes
    31. Januar 2015 at 20:26

    Danke <3

  • Gabriele Holzer
    1. Februar 2015 at 11:57

    Sehr traurig, aber nur allzu wahr. Es tut gut es einmal so zu sehen, vielleicht hilft es ja……..manchmal.
    Vielen Dank

  • Fräulein Julia
    2. Februar 2015 at 8:22

    Nach dem plötzlichen Tod meines Vaters vor ein paar Jahren habe ich mir – und allen in meinem näheren Umfeld – gesagt: „Ich lasse meiner Trauer freien Lauf und wenn mir urplötzlich nach Heulen zu Mute ist, dann ist es eben so. Lasst euch davon nicht irritieren“. Was die Anderen darüber denken, war mir egal. Hätte ich das damals nicht gemacht, sondern den Schmerz zugunsten von „normalem Alltagsverhalten“ unterdrückt – wie würde es mir dann jetzt wohl gehen?

    Ein schöner, wichtiger, ehrlicher Text. Danke! 🙂

  • Natalie sarah
    29. März 2015 at 8:25

    Guten Morgen Liebe madhavi DU schreibst so schön aus dem Herzen raus es macht viel Freude hier zulesen . Es ist wie mit einer Freundin über Dinge zu quatschen über die Frau nicht in der Öffentlichkeit reden darf. Du sprichst uns aus der Seele!! Mal lachen , mal Weinen und nachdenken. Wie ich auch immer so schön sage..Willkommen in der Realität. Es gibt immer yin und Yang .
    Herrlich i like. Mit dir würd ich gerne mal n käffchen trinken gehen. Ein bezaubernden Sonntag und bitte mehr davon xoxo Natti

  • Susanna Kubarth
    23. Juni 2015 at 21:52

    Liebe Madhavi,
    ich hatte vor kurzem ein Aha-Erlebnis, was den „Schatten“ angeht und jetzt finde ich bei dir diesen Artikel. Danke dafür!

    Den eigenen Schatten seh ich ja naturgemäß nie an mir selbst, sondern auf dem Boden – also im Außen.
    Mir das bildlich vorzustellen, hat mir total geholfen, das „Schatten-Konzept“ ins richtige Licht zu rücken.

    Also, mir erstens explizit zu erlauben, Andere zu verurteilen, neidisch zu sein etc. – weil ich dadurch meinen Schatten besser wahrnehmen kann.

    Zweitens hat mir das Bild eines realen Schattens geholfen, zu bemerken, dass man seinen Schatten eben nicht ausmerzen muss. Es gibt sogar eine Geschichte, in der ein Mann dem Teufel seinen Schatten verkauft. Wenn ich mich richtig erinnere, geht die nicht so gut aus und ich kann auch verstehen wieso. So ganz ohne Schatten werden wir „unreal“, nicht von dieser Welt.

    Übrigens: Yoga macht mich echt nicht immer happy-peppy.
    Ich sag es gradeheraus: Ich tue mir wahnsinnig schwer, in unbekannten Gruppen zu yogieren. Da dreht mein „Schatten“ vollkommen durch, vergleicht mich, beneidet, … ich habe keine ruhige Minute. 🙂

    Mittlerweile mach ich das ab und zu, weil ich den Kick will. Und bin dann wahnsinnig stolz, wenn es mir gelingt, trotzdem neue Freunde zu finden und gereift von der Matte zu kommen.

    Danke dir für all deine schönen Texte.

    <3 Susanna