Column

Madhavi und das Leben // Alles wird gut, einfach nur anders

1. Dezember 2019
madhavi-guemoes-kolumne-dezember

Könnt ihr euch vorstellen, dass es nur noch vier Wochen sind bis zum neuen Jahr? Je älter ich werde, desto rasanter verfliegt die Zeit. Mir ist ganz duselig von dieser Geschwindigkeit, aber sage ich das nicht jedes Jahr? Bestimmt. 

Ich stecke gerade in einer Phase der Loslösung fest. Ach, was erzähle ich da, ich stecke natürlich nicht fest, ich trippel völlig verwirrt darin herum. 

Wer mich kennt, weiß eigentlich, dass ich sehr zur Verhaftungslosigkeit neige. Manche beklagen sich sogar, wie mein Coach neulich in Brooklyn, als ich ihren TedX Talk im tiefsten Hip Hop Ghetto Flatbush beiwohnte. Als der vorbei war, war ich flink wie ein Wiesel aus der Tür. Kein Adios von mir. Nichts. 

Wobei ich ihr danach schrieb, wie großartig sie war. Ich war da, das muss reichen mit der Liebe. 

So war ich schon immer. Gefühlsduseleien sind mir ein Graus, so auch Abschiede. Ich verabschiede mich einfach nicht. Somit gibt es auch kein Ende. 

Wäre ich ein Mann, würde ich mir nach dem Sex eine Kippe anzünden und genervt die Frau aus der Tür schieben. Lange kuscheln, nein danke. Bestimmt liegt es daran, dass meine Mutter mich nicht gestillt hat, ganz sicher. 

Pipi in den Augen

Früher, als ich stets ein halbes Jahr in Indien und ein halbes Jahr in Deutschland lebte, verließ ich einfach das Land, wenn es an der Zeit war. Und dann war ich nach sechs Monaten wieder da. Ich ertrage keine wässrigen Augen, kein langes Umarmen. Was in der Sannyas Szene stundenlang praktiziert wurde. Ich habe es überlebt. Doch das kann man auch entspannter haben. 

Nun aber zurück zu meiner jetzigen Misere. Ich erkenne mich gerade nicht wieder. Meine Kinder sind jetzt 12 und 14 Jahre alt, und ich habe neuerdings ständig Pipi in den Augen. 

Sie sind beide Größer als ich, keiner will mehr meine Hand auf der Straße halten. Ich muss mich schon zwei Kilometer vor der Schule von ihnen verabschieden. Oder besser gesagt, nur von meiner Tochter. Mein Sohn geht schon lange nicht mehr in meiner Anwesenheit zur Schule. Ich verstehe das. 

Ich bin tatsächlich sehr froh, dass ich viel um die Ohren habe, ansonsten würde ich täglich heulend meinen Kopf in ein Kissen schieben, weil vieles schon vorbei scheint. Es ging alles viel zu schnell. 

Keiner meiner Kinder glaubt mehr an den Weihnachtsmann, geschweige denn an den Nikolaus. Auch die Zahnfee ist passé. Beide haben gar keine Zeit mehr für mich. Ich bin nutzlos. Wo soll das hinführen, wie soll ich das überleben? 

Dann neulich beim Abendbrot. Meine Tochter sagte, dass wir keinen Weihnachtsbaum mehr kaufen dürften. Es gäbe jetzt einen aus Plastik, der hält ein Leben lang. Ich sagte, dass ich aber den Geruch der Tannen so gern mag, dass das für mich Weihnachten ist. Dieser Geruch, die losen Tannennadeln auf dem Boden, die immer ich aufsaugen muss.

Dann kam sie damit um die Ecke, dass wir keinen Baum töten könnten. Völlig zu recht. Sie macht sich irre viele Gedanken. Letztes Jahr haben wir deshalb auch einen Weihnachtsbaum im Topf gekauft, weil wir dachten, so einen Baumtod verhindern zu können.

Der stand dann noch im August uneingepflanzt im Topf im Vorgarten herum, völlig verdörrt, niemanden hat es gestört, sind alle daran vorbeigelaufen. Irgendwann war er mausetot, völlig erschlafft. Er landete im Müll. Ich kann mich nicht mal um einen Kaktus kümmern, mir fehlt einfach der grüne Daumen. Oder die Geduld. 

Wir mieten einen Weihnachtsbaum

Wir haben uns jetzt darauf geeinigt, ein Weihnachtsbäumchen zu mieten. Den können wir dann zurückgeben und ich glaube, er wird dann auch wieder eingepflanzt. Das krieg ich auf die Reihe. Ganz sicher. 

Heute ist der 1. Advent und gestern habe ich aus lauter Wehmut Zutaten für ein Hexenhaus gekauft, weil ich mir Bilder von früher angesehen habe. Wie niedlich sie waren, mit ihren Weihnachtsmützchen, die Hände voller Keksteig. Hach. Ich dachte mir, so ein Hexenhaus, das haben wir noch nie gemacht, das kommt sicherlich bombastisch an. 

Wahrscheinlich muss ich es nicht erwähnen, dass meine Tochter mir mitleidig auf die Schulter klopfte und meinte: “Viel Spaß beim Basteln, Mama.” 

Um das kurz zu klären. Ich war nie die Bastelfee. Ich habe es gehasst. Und nun wünsche ich mir, dass sie mit mir Kekse backen wollen. Sogar die Spielplatzzeit fehlt mir. Ich bin ein Wrack.

Und plötzlich ist nicht mehr viel Zeit

Ich erinnere mich an eine Bekannte. Meine Kinder waren noch winzig. Da gestand sie mir, dass sie mich beneidet, weil meine Kinder noch so klein sind und ich noch alles vor mir habe. Da hatte ich Mitleid mit ihr, doch absolut kein Verständnis. Jetzt denke ich oft an sie zurück. 

Meine Kinder haben eine genaue Idee, wo sie ihr Auslandsjahr machen werden. Danach wollen sie am anderen Ende der Welt studieren. Weit weg. Plötzlich möchte mein Sohn ein richtig gutes Abi machen. Er will, dass etwas aus ihm wird. Wenn er das so sagt, schaut er mich an, als würde er mir mitteilen wollen: „Ich will keinesfalls so ein Hippie werden wie du, Mama.“

Wir haben hier alle ein super Verhältnis, doch, wenn man seine Kinder auf eine dänische Montessori Schule schickt, kommen dabei ganz arg selbstständige Menschen heraus, es ist beängstigend.

Gut, ein Stück weit haben sie es auch sicher von mir, diesen Freiheitsdrang, der gelebt werden muss. Aber es ist nicht leicht, mein Herz wird ganz schwer. Ich möchte sie den ganzen Tag umarmen. Das geht nur noch auf Zehenspitzen. 

Dann reibt mir mein Sohn auch täglich seinen Tag des Auszugs vor die Nase, so im Scherz, doch dann wird mir plötzlich klar, wir haben nicht mal mehr eine Handvoll Sommerferien zusammen. 

Wenn wir uns abends zusammen seit neuestem von der Serie Modern Family auf Englisch berieseln lassen, hier wird alles im Original geschaut, lachen wir gemeinsam über dreckige Witze, meine Tochter übersetzt Worte, die ich nicht verstehe und dann weiß ich, alles wird gut, einfach nur anders…..

xxx

Madhavi

  • Anne
    1. Dezember 2019 at 23:55

    Liebe Madhavi,
    ohh ich kann dich so gut verstehen,genau so ist es,die Jahre sind verflogen,wie ein anderesLeben.
    Bei mir sind Bäche voller Tränen geflossen ,doch schenken wir unseren Kinder Flügel
    kommen sie immer wieder zurück geflogen,wenn auch nur noch als Gäste.
    Ein langer ,schmerzhafter Weg ,ich freue mich jeden Tag über ihren Weg und bin dankbar
    wenn sie nun ihr eigenes Leben bestreiten.Jedes Zusammentreffen ein kleines Fest!
    Alles Gute dir auf diesem Weg der Loslösung wünscht dir Anne

  • Madhavi Guemoes
    2. Dezember 2019 at 0:01

    Danke, liebe Anne. Bin gespannt, wo das noch hinführt, haha!

  • Alex
    2. Dezember 2019 at 9:13

    Liebe Madhavi,
    Du triffst so oft genau meine Gedanken und ich danke dir sehr für Deine pragmatische Sicht der Dinge die du weiter gibst!

    Liebe Grüße
    Alex

  • Eva
    2. Dezember 2019 at 10:42

    Du sprichst mir aus der Seele… Genau so ist es hier…. wenn ich an meinen eigenen Freiheitsdrang denke fröstelt es mich jetzt schon… Oje, und man lächelt nur leise und verwundert, wenn man es erzählt bekommt und noch sein kleines Baby im Arm hält.. ist ja alles Lichtjahre entfernt… Puh. Denkste. Alles Liebe Dir!

  • Carolin
    2. Dezember 2019 at 16:33

    Liebe Madhavi, so gern habe ich heute morgen deine Kolumne gelesen. Und mich gut in dich hineinfühlen können: Unser Sohn ist 11 und irgendwie gerade weder Fisch noch Fleisch:-). Doch Weihnachten findet er immer noch gut…Zum Pipi in den Augen: Ich habe das Gefühl, ich werde sentimentaler, je älter ich werde. Ist auch ok so. Ich lese sehr gern von dir und höre auch deinen Podcast sehr sehr gern. Gehab dich so richtig wohl! Gruß nach Berlin, Carolin

  • Chill
    3. Dezember 2019 at 22:38

    Herrlich beschrieben, das kenne ich so ähnlich auch und habe gerade darüber einen Artikel zu “Lieben und loslassen lernen“ in Bezug auf die Kids geschrieben 😉

    Einfach wunderbar was man als Eltern alles lernen und erfahren darf, danke reiches Leben ❤💫🙏🏻

    und danke Dir für die erfrischenden Worte!

    Liebe Grüße,

    Chill

Leave a Reply