Column

Madhavi & das Leben: Von Sternenstaub und Selbstkritik

22. Juni 2015
Madhavi Guemoes

Manchmal werden mir Steine in den Weg gepfeffert, das ist nicht schön, aber auch keine Tragödie. Schlimm wird es nur, wenn diese dämlichen Steine aus meinem eigenen Garten stammen. Aber ich muss weiter ausholen, sonst versteht mich ja keiner.

Letzte Woche, in der Nacht von Sonntag auf Montag, wurde ich wie von einem Donnerschlag geweckt. Es war 2.32 Uhr, zappenduster – und von Gewitter keine Spur. Jemand schrie mich an: „Madhavi, alles was du fabrizierst hat keinen Sinn, warum machst du das alles nur, du bist total unfähig.“ Ich schluckte. Und es ging weiter: „Du solltest sofort aufhören zu schreiben, das hat doch alles keinen Wert! Ach ja, du übrigens auch nicht. Dich kann keiner leiden!“

Ich setzte mich auf. War erbost. Wer sprach da? Mir wurde ganz duselig. Schaute zu meinem Mann, der selig schlief. Ich brauchte bestimmt eine halbe Minute, um zu schnallen, dass diese giftigen Sätze aus meinem Inneren kamen. Ja, was war denn da los? Ich war wie gelähmt und fragte mich natürlich, was das zu bedeuten hat. Konnte nicht wieder einschlafen, es war eine Qual.

Am Montag ging es mir so übel, dass ich unfähig war, irgendetwas zu erledigen. Die Sätze klebten wie Patex an mir. „Was, wenn es stimmt? Vielleicht ist es ja wirklich so. Ich bin eine Niete.“ Eine andere Stimme rief mir erbost zu: „Sag mal, tickst du noch richtig? Du darfst doch so einen Blödsinn nicht glauben. Alles ist gut, beruhige dich bitte wieder!“

Es kam noch schlimmer

Ich rechnete nach. Meine Tage: Hatte ich gerade. Vollmond: Auch vorbei. Ich konnte also nichts und niemanden die Schuld in die Schuhe schieben. Nur mir selbst. War paralysiert. Tatsächlich hatte ich die ganze Woche eine penetrante Schreibblockade. Dabei hatte ich doch so viel zu schreiben. Jeder Buchstabe war wie eine schwere Bürde. Meine Mundwinkel hingen bis zu den Kniekehlen, keiner konnte mich erheitern.

Ich schaltete das Internet ab und legte mich ins Bett. Zog die Decke weit über meinen verwirrten Kopf, schaute meine Lieblingsserie Resurrection und nahm mich selbst in den Arm. Übrigens das Beste, was man in so einer Situation machen kann.

Komischerweise ging es meinen Freundinnen ähnlich und ich wurde misstrauisch. Lag da nicht doch irgendwas in der Luft? Richtig. Die Sterne hingen mal wieder schief, ich erinnere mich aber nicht mehr, was der eigentliche Grund war, mit Astrologie habe ich es nicht so.

Ich habe viel nachgedacht, in dieser grässlichen Woche. Nach langer Zeit habe ich mal wieder gespürt, was es heißt, sich selbst im Weg zu stehen. Wie destruktiv man sein kann. Wie schädlich für das fragile Herz.

Wie konnte ich nur so verachtend zu mir sprechen? Auch, wenn ich vielleicht nicht immer alles tadellos mache, gibt es keinen Grund, mich selbst in Grund und Boden zu stampfen. Ich habe gelernt, dass es nicht hilft, gegen sich selbst zu kämpfen. Das man so eine stachelige Zeit manchmal auch einfach zulassen muss, wofür sie auch immer gut ist.

Jedenfalls stand ich gestern am Hamburger Dammtorbahnof und entschied mich, wieder fröhlich zu sein. Es gab ein paar Anlaufschwierigkeiten, doch als ich zurück in Berlin war, war alles wieder in Butter. Solche Zeiten des Zweifels und der Selbstkritik kennen wir doch alle, nicht? Da komme ich gern mit meinem Lebensmantra, es ist von Osho: This too will pass.

Fotocredit: Maria Schiffer

 

Madhavi Guemoes
Madhavi Guemoes dachte mit 15, dass sie das Leben vollständig verstanden habe, um 28 Jahre später zu erkennen, dass dies unmöglich ist. Sie arbeitet als freie Autorin und Vollzeit-Bloggerin in Berlin und ist Mutter von zwei Kindern. Wenn sie nicht in die Tasten haut, versucht sie auf dem Kopf zu stehen. Madhavi praktiziert seit mehr als 25 Jahren Yoga - was aber in Wirklichkeit nichts zu bedeuten hat.
Madhavi Guemoes on EmailMadhavi Guemoes on FacebookMadhavi Guemoes on InstagramMadhavi Guemoes on PinterestMadhavi Guemoes on Twitter
  • Nadine
    22. Juni 2015 at 23:48

    😀 …ach herrje, Du Süße. Da muss aber wirklich gerade etwas in der Luft liegen. Ich kann so sehr mitfühlen.
    Letzte Nacht träumte mir, mein Schneidezahn sei locker. Schlechtes Omen. Ich interpretiere, mir fehle zur Zeit der richtige Biss. Neulich, in einem anderen Traum, jemand oder etwas mit dem Staubsauger saugte neben viel Staub und Müll meinen Ausweis weg.
    Ich fühle mich die letzten Wochen ausgebrannt, die Jobs, die ich liebe, belasten, der Kopf nur wirr, …ich dachte, immer viele Ideen wäre was Tolles…Projekte, welche ich angehen möchte, nahezu in der Schublade, aber , die Yoga-Ausbildung wird ernster – aber, wer bin denn ich? Kann ich das? Wird es gerade zu viel? Tanze ich auf zu vielen Hochzeiten? …die Bodenhaftung verloren. ….Dabei…Es läuft toll. Meine Ideen sind toll. Hm, vielleicht nur ein paar zu viele. Ich habe gerade erst wieder Zwischenziele erreicht…Aber etwas mehr Mitte…..
    Was ist denn da los? Wenn ich mal mein näheres Umfeld durchgehe, fallen mir gerade einige Macher-Mädels ein, denen es ähnlich geht. Irgendwie erleichtert mich Dein post. Nicht, dass ich Dir wünschen würde, dass es Dir schlecht geht… Aber so kann ich es vielleicht doch einfach nur auf die Sterne schieben.
    …eine schöne Geschichte vor einigen Tagen, welche eine liebe Yogalehrerin wiedergab, mit dem Fazit „Glück oder Unglück, wer weiß das schon?!“
    Zum Glück motiviert mich diese Phase endlich, die Meditation nochmal ernster zu nehmen.
    Dir lieben Dank für das was Du gibst, liebe Madhavi. Schon allein dieser Text hat soviel Sinn. Ich fühle mich gerade wie von Dir in den Arm genommen, Du streichelst mir das Köpfchen und sagst „Hey, Du bist mit Deinem Hirnschiss nicht allein.“ Das ist groß.

  • Madhavi Guemoes
    23. Juni 2015 at 7:52

    Nein, Du bist damit nicht allein. Oft wird nur das Strahlen der Leute dokumentiert. Die andere Seite ausgeblendet. Aber ich bin mir sicher, dass jeder solche Tage hat. Ich glaube, es ist hilfreich, ab und zu auch die sozialen Netzwerke abzuschalten und sich auf die Dinge zu konzentrieren, die man zu tun hat. Alles zusammen macht einen ja verrückt. Dicke Umarmung! Madhavi

  • Molinero
    23. Juni 2015 at 8:31

    Danke Madhavi!
    Ich danke dir! Du großartiges Wesen!

  • Madhavi Guemoes
    23. Juni 2015 at 8:42

    Weeeeee! Danke Dir fürs Lesen! Heart!

  • Anja
    23. Juni 2015 at 9:06

    Liebe Madhavi, tausend Dank für Deine ehrlichen Worte. So mutig. THANK YOU!
    Mir ging es letzte Woche ähnlich. Ich bin heilfroh, dass es an den Sternen lag 😛

  • Joanna
    23. Juni 2015 at 9:10

    Vielen Dank für Deine Worte. es tut gut, zu lesen, dass ich nicht allein bin, die immer wieder mit solchen Tagen konfrontiert ist! Zum Glück und daran sollten wir dann immer denken, sie gehen ja vorbei und die Sonne scheint dann wieder in unser Herz.
    Alles Liebe und viel Sonne im Herzen.

  • Dana
    23. Juni 2015 at 9:28

    Dann waren das also die Sterne? Vielleicht in Kombination mit Neumond? Ich finde es total abgefahren, zu lesen, dass es dir in genau dem selben Zeitraum genau so ging wie mir (und Freundinnen auch)…1000Dank für diesen erdenden Post! Kleiner Selbstumarmtip von mir: Bachblüten und verträumt in den Himmel gucken. Alles Liebe nach Berlin.

    P.S. Deine Texte sind ganz wunderbar. Und deine Ideen auch. Und deine Attitude sowieso. So!

  • Laura
    23. Juni 2015 at 9:34

    Ganz zauberhaft bist du und deine Worte 🙂

  • Susi
    23. Juni 2015 at 9:49

    Liebe Madhavi, ich bin mittlerweile großer Fan deines Schaffens und heute ist mir wieder bewusst geworden warum! Deine Texte sind immer so unglaublich ehrlich und echt. Es ist nicht alles schwarz weiss, deine Welt ist bunt und ich liebe dich dafür, dass du uns auch an deinen schweren Zeiten teilhaben lässt und ich mich in meinen schweren Zeiten dadurch weniger alleine fühle! Danke!!

  • Madhavi Guemoes
    23. Juni 2015 at 9:52

    Ja, oder? Wenn es einem plötzlich und eigentlich ohne Grund so geht, dann muss doch was im Busch sein. Hatte kurz Sorge, dass mit mir etwas nicht stimmt. Hoffe es geht Dir besser!!!

  • Madhavi Guemoes
    23. Juni 2015 at 9:54

    Ich habe das Gefühl, je älter man wird, desto öfter kommen solche Wehwehchen-Tage. Vielleicht wird man feinfühliger, oder man bekommt von der Welt einfach zu viel mit. Öfter mal ABSCHALTEN ist glaube ich ganz wichtig! Bald scheint auch hoffentlich real auch wieder die Sonne, der Regen ist ja ganz hübsch, aber langsam reicht`s!

  • Madhavi Guemoes
    23. Juni 2015 at 9:56

    Danke, meine Liebe. Wie lieb von Dir! Wir haben alle nicht immer rosa Elefanten Tage, wer das behauptet lügt 🙂 Wir sitzen alle im selben Boot, manchmal wackelt es, manchmal ist es windstill.

  • Madhavi Guemoes
    23. Juni 2015 at 9:57

    Laura! Danke <3

  • Madhavi Guemoes
    23. Juni 2015 at 9:58

    Bachblüten! Die habe ich lange nicht mehr genommen, danke für den Tipp! Und für Deine lieben Worte, die nehme ich jetzt mit in den Tag!

  • Antje
    23. Juni 2015 at 10:52

    Liebe Madhavi, danke für die tröstenden Worte und den motivierenden Unterton. Diese Zeit in der r stecken ist fürwahr eine große Bewegung. Ich würde Dich und Deine Arbeit gerne kennenlernen und mich mit Dir gerne Austauschen zu diesem Thema. Ich weiß, dass ganz viel Veränderung und Chance auf Heilung in diesem Moment liegt.

  • atmadev
    23. Juni 2015 at 12:11

    fantastischer post und fantastische kommentare! same here…und nun eine große erleichterung, dass scheinbar alle frauen auf diesem planeten letzte woche von riesigen (und unbegründeten!) selbstzweifeln geplagt wurden. vielen dank für deine tollen worte <3

  • Franzi
    23. Juni 2015 at 12:36

    Herzlichen Dank für diesen ehrlichen und liebevollen Artikel! Mir ging es letzte Woche genauso und vor allem der Samstag war ein sehr anstrengender Tag für mich! Und das Selbst-in-den-Arm-nehmen hat bei mir auch wundervoll gewirkt, wenn auch erst um 2 Uhr nachts 😉
    <3

  • valeriefoe
    23. Juni 2015 at 14:52

    Madhavi, ich kann nicht in Worte fassen, was ich immer beim Lesen deiner Texte empfinde. Danke von Herzn, für hier und heute und auch sonst immer.

  • Madhavi Guemoes
    24. Juni 2015 at 8:40

    Ach, Valerie! Vielen Dank <3

  • Madhavi Guemoes
    24. Juni 2015 at 8:40

    Das war eine miese Woche! Ab jetzt soll nur noch die Sonne scheinen! Umarmt!

  • Madhavi Guemoes
    24. Juni 2015 at 8:41

    Du Liebe, vielen Dank fürs Lesen und Deine lieben Worte!!!

  • Madhavi Guemoes
    24. Juni 2015 at 8:41

    Hallo Antje, klingt interessant, was Du machst. Ich werde mich bei Dir melden!

  • Christine
    26. Juni 2015 at 7:20

    Gerade erst gelesen, zustimmend genickt die ganze Zeit. Solche dunklen Zeiten kommen immer und immer wieder. Ich lege sie gerne, im Nachhinein, also im Nach-Nach-Nachhinein (zu dem Zeitpunkt wo man auch über richtig fiese Situationen irgendwann lachen kann) – dankbar in die Kiste mit den ‚Lektionen in Demut‘. Ich merke, meist kommen solche inneren Diss-Anfälle wenn ich dies hier nicht beachte:
    Speeding up, is always the wrong thing to do. Give yourself a chance to go by the rhythm of your own heart … *
    * yoko ono [ Yoko QandA day – Mon 15 Jun 2015 ]
    Zu viel auf der Liste, zu wenig Zeit zum innehalten, man rennt so vor sich hin, alles wird ’nur‘ abgehakt und gar nicht mehr gefühlt oder gar genossen. Manchmal ist das so. Aber sich bewusst zu machen, hey – ICH ENTSCHEIDE. Ich bin nicht der Korken auf den Wellen. Ich entscheide fröhlich, nett und dankbar zu sein. Zu MIR – zu aller aller erst – und damit auch zu dem Außenherum.
    Und dann kann man wieder lächeln.
    Danke für die zusätzlihe und Deine Erinnerung!

  • Imke
    28. Juni 2015 at 8:21

    Meine liebe Madhavi, ein Lächeln liegt mir auf den Lippen und ich möchte Es Dir gern schicken: wenn Du wieder einmal diese fiese Stimme hörst, die Dich so angeht, hat es wohl tatsächlich kaum Sinn gegen sie anzugehen. Was hält Du davon: Schenk ihr ein Lächeln und ein „Ich hör bestimmt nicht auf, zu schreiben!“ – denn das genau solltest Du auf gar keinen Fall. Hör bitte nicht auf, zu schreiben. Schreib diese fiese kleine Stimme raus und ins Abseits.
    Und…auch rein aus Eigennutz sei gesagt: hör nicht auf, zu schreiben. Bitte.