Column

Madhavi & das Leben // Reise in die Vergangenheit

17. März 2016
Madhavi Guemoes

Während ich das hier schreibe, schweift mein Blick über die schneebedeckten Berge. Es ist still. Die Luft kühl. Das Sonnenlicht durchflutet mein Zimmer. Sonntag bin ich nach 12 Stunden strammer Bahnfahrt im Soami Retreat Center in Kärnten gelandet. Es ist merkwürdig, nach exakt 23 Jahren wieder in Österreich zu sein. Als Kind war ich jedes Jahr hier zum Skifahren. Zuletzt mit 17. Ein paar Monate später fiel mein Vater plötzlich um – und war mausetot. Er war damals 41, viel zu jung. Die Lust am Skifahren war fort, bis heute ist sie auch nicht zurückgekommen. Nun bin ich wieder hier. Natürlich kommen mir haufenweise Erinnerungen hoch, das ist schön und traurig zugleich.

Im Dezember hatte ich die fixe Idee, kurz vor meinem 40. Geburtstag, der Anfang April sein wird, einmal gehörig zu Entschlacken. Oder besser gesagt, mein ganzes System zu entlasten. Ein schönes Fundament für mein bevorstehendes Jahrzehnt zu schaffen, in dem ich mich ja von meiner besten Seite zeigen möchte. Aber darüber habe ich schon ausführlich in meiner letzten Kolumne berichtet.

Die letzten drei Monate haben so richtig alten Plunder hervorgebracht. Das das so kommen würde, stand wohl auch in den Sternen, wie mir eine liebe Freundin flüsterte. Das war teilweise recht zäh, doch habe ich mich mit eisernen Willen durchgekämpft. Unbequeme Steuergeschichten, lästige und unnötige Abmahnungen, Freundschaften, die nicht standgehalten haben. Alles durchgekaut und abgehakt.

Ich bin so was von bereit für eine Portion Leichtigkeit, Frische und einen hübschen Neuanfang. Frühling. Nun sitze ich hier gedankenversunken im Soami und entgifte – im wahrsten Sinne des Wortes. Darüber werde ich aber nächste Woche noch mal ganz ausführlich berichten.

Heute fühle ich mich wie ein rohes Ei. Denn ich detoxe nicht nur (es gibt trotzdem köstliches Essen!) sondern krauche auch in den Tiefen meines Seins herum. Das ist sehr intensiv. Ein Aufenthalt im Soami ist kein Spaziergang, hier passiert tatsächlich Transformation. Was ich sehr willkommen heiße!

Vor ein paar Tagen gab es eine geführte Meditation, bei der wir in die Räume unseres Inneren getaucht sind. Ins Kellergewölbe sozusagen. Da war es bei mir weder minimalistisch noch fröhlich eingerichtet. Dort gab es potthässliche schwere Mahagoni Schränke (why?), unendlich viele Bücher, es roch fies moderig. Einen Raum weiter war es zappenduster, ausgelegt mit Stroh, es stank nach Schwein. Ist ja klar, dass man in den Tiefen immer etwas lagert, das man vielleicht im Alltag möglicherweise nicht anschaut, ich kenne auch meine Themen, aber das war mir dann doch eine Spur zu düster. Aber auch sehr spannend.

Ich habe in meinem Leben schon sehr viel an mir gearbeitet, sämtliche Psycho-Gruppen durchlaufen. In den letzten zehn Jahren habe ich jedoch nur meine Kinder großgezogen, da war nicht viel Platz für solche Dinge. Gut, ich meditiere täglich, mache entweder die Nadabrahma– oder Kundalini Meditation, turne auf der Yoga-Matte. Wenn man aber mal wieder so richtig tiefer gehen möchte, braucht man Abstand vom Alltag. Und den habe ich hier.

In der Yogastunde heute Morgen hätte ich nur flennen können, weil meine ganze Familiengeschichte, die ich hier jetzt nicht breittreten möchte, hochkam. Da mir das unangenehm war, habe ich mir die Lippen fast durchgebissen. Bloß keine Schwäche zeigen. Wobei der Raum hier gegeben ist, die Menschen sind so zauberhaft.

Wann habe ich verlernt, meine Weichheit zu leben? Irgendwann muss ich vom Weg abgekommen sein. Ich bin gut im Gefühle beiseite schieben, schaue nie zurück. Das ist ein fataler Fehler, denn das kann Konsequenzen haben. Wenn man nur funktioniert, dann bleibt das Fühlen auf der Strecke. Irgendwann bricht eh alles hervor, und man bekommt alles häppchenweise vor die Füße geschmissen.

Mir ist in den letzten Tagen klar geworden, dass ich nicht so viel herunterschlucken darf. Mir erlauben muss, mehr zu fühlen. Das Schutzschild ab und zu beiseite legen.

Mit Sicherheit das beste Geschenk, das ich mir machen kann.

xxx Madhavi

©Maria Schiffer

Madhavi Guemoes
Madhavi Guemoes dachte mit 15, dass sie das Leben vollständig verstanden habe, um 28 Jahre später zu erkennen, dass dies unmöglich ist. Sie arbeitet als freie Autorin und Vollzeit-Bloggerin in Berlin und ist Mutter von zwei Kindern. Wenn sie nicht in die Tasten haut, versucht sie auf dem Kopf zu stehen. Madhavi praktiziert seit mehr als 25 Jahren Yoga - was aber in Wirklichkeit nichts zu bedeuten hat.
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  • Natalie
    17. März 2016 at 23:33

    Hallo liebe Madhavi, mir sind gerad die Tränen gekullert beim lesen. Danke für diesen Post. So offen. Merci. Das hat mich sehr berührt und nachdenklich gemacht. Einige Dinge hast Du erwähnt wo wir alle dran arbeiten dürfen….Weichheit u.a. Und einiges mehr. Ich drück Dich ganz doll und wünsche Dir ein bezauberndes Wochenende 🙂
    Xxxx nat

  • Madhavi Guemoes
    18. März 2016 at 7:22

    Danke, Natalie! Für Dich auch ein schönes Wochenende <3

  • Doris Lautenbach
    18. März 2016 at 8:56

    Sehr berührend, liebe Madhavi. Ich denke an Dich. <3

  • Christina
    18. März 2016 at 9:03

    Hallo Madhavi,
    Deine Worte haben mich sehr berührt, ich konnte mich in einigen Worten und Gefühlen wieder erkennen!
    Diese Weichheit habe ich auf meinem Weg glaube ich verloren, da ich immer stark sein musste. ..
    Stark gegen meine Depressionen und Ängste, stark für meine Kinder, stark um Geld zu verdienen damit das Haus abbezahlt werden kann, stark für meine Ehe die leider seit vielen Jahren keine mehr ist …
    Seit ca 1 Jahr mache ich eine Fortbildung zur Entspannungstrainerin und beschäftigen mich auch sehr viel mit dem Leben!
    Ich wurde sehr früh Mama und habe keine Ausbildung, daher ist es ziemlich schwer mit meinen Kursen Fuß zu fassen da man nur von der Krankenkasse anerkannt wird wenn man eine Abgeschlossene Berufsausbildung hat!
    So wieder stark meine für meine Träume…
    Einer meiner Familie glaubt wirklich daran das das was wird, aber tief im Herzen spüre ich da etwas gelebt werden will…
    Es fühlt sich leicht an …
    Doch ich werde wohl stark sein müssen für du hoffentlich irgendwann mal das leichte leben zu dürfen !
    Lg Christina

  • Anja
    18. März 2016 at 9:10

    Je länger ich Dich lese, desto besser gefällst Du mir 🙂 Es ist schön, dass Du uns nicht nur perfekte Bilder aus der „Szene“ lieferst (Du weisst, wie ich das meine), sondern auch darüber schreibst, was WIRKLICH passiert… in Dir und um Dich herum. Das tut mir als Leser so so gut und lässt mich immer wieder gern zurückkommen… und bleiben. Danke liebe Madhavi.

  • Heike
    18. März 2016 at 9:28

    Liebe Madhavi, das, was Du hier schilderst, kenne ich gut…und es sind letztendlich so tiefe, heilende Erfahrungen. Aber da muss man erstmal durch und das ist kein Spaziergang.. alles Liebe für Dich und weiterhin viele, tolle Eindrücke und grüß mir den Millstätter See..als Kind war ich sehr oft dort. Alles Liebe Heike

  • Eve
    18. März 2016 at 10:15

    Hallo Madhavi. Dein Text hat mich sehr zum nachdenken angeregt. Habe selber auch erlebt wie es ist die Brocken, die großen und die kleinen, vor die Füße geworfen zu bekommen, nach dem ich Jahrzehnte nur funktioniert habe und meine wahren Gefühle weg geschoben habe. Denke das ich sie heute auch noch nicht immer zeige. Die Arbeit an und mit mir selbst geht weiter.
    Ich wünsche dir ein wunderschönes Wochenende
    Liebe Grüße Eve

  • Annika
    18. März 2016 at 10:32

    Danke fürs Teilen! Es berührt sehr!

  • 4 more
    18. März 2016 at 10:54

    Ein sehr berührender Post, liebe Madhavi, der mir sehr einen Spiegel vorhalten hat! Weichheit, fühlen und funktionieren – das sind die Schlüsselworte (für mich) und es ist wohl dringend an der Zeit dass auch ich meinen Kellerräumen ansehe, die ich eigentlich für immer fest verschlossen halten wollte (ja ich weiß dass das auf die Dauer nicht funktioniert, aber ich bin ziemlich gut darin keine Schwäche zuzulassen und dunkle Räume fest zuzuhalten…).
    Alles Liebe Dir!

  • Reiseglück
    18. März 2016 at 11:00

    Touché! Da bist Du auf Deiner Reise nicht allein, liebe Madhavi! Hier auch. Umgraben, Aufwühlen, Suchen, Finden, Erkennen… Jede Träne ist ein Stückchen Heilung. Everything will fall into places – so stell ich es mir immer vor: Wie ein Laub im Herbst, wenn der Wind es aufwirbelt. Ganz sanft legen sich die Blätter dann wieder auf die Erde, genau dort, wo sie sich gerade ausruhen möchten. Bis sie sich weitertreiben lassen vom Wind (Leben)…
    Be well, Madhavi! Deine Katharina

  • Yvonne Menter
    18. März 2016 at 11:38

    Hallo Madhavi,

    Dein Text berührt mich so sehr. Ich könnte jetzt gerade losweinen. Das alles ist gerade auch mein Thema. Es tut weh zu sehen, wie hart ich mich gemacht habe und dachte, dass sei Stärke. Dabei ist die Weichheit, das Sanfte die wahre Stärke.
    Ich wünsche Dir ein sonniges Wochenende mit vielen wundervollen und weichen Momenten.
    Alles Liebe, Yvonne

  • atma
    18. März 2016 at 11:53

    ich umarme dich in gedanken <3

  • steffimanca
    18. März 2016 at 11:55

    Ein bewegender Post. Ich wünsche Dir alles Gute für diese Zeit. Sicher nicht einfach …
    LG Steffi

  • Catrin
    18. März 2016 at 12:06

    Ganz kurz: Sehr schön. Geniess die Tage!

  • Anja
    18. März 2016 at 12:11

    Liebe Madhavi, danke für Deine ehrlichen und berührenden Worte. Ich finde Deinen Beitrag sehr mutig. Eben, wegen dem „Verletzlichzeigen“. Ich stehe darauf und mag es sehr. Wir sind so vieles. Manchmal überlege ich, ob man wegen der Selbstständigkeit härter wird. So vieles muss alleine durch gerockt werden. Ich wünsche Dir eine gute Zeit in den Bergen mit vielen Bings und Ahas. Anja

  • Dana | hello-danane
    18. März 2016 at 13:45

    Wahre und schöne Worte.
    Ich hoffe es geht dir besser! Oder wäre das auch eine Form des davon schieben? Zu wünschen das es besser geht. Natürlich wünsche ich dir das. Aber vor allem das du mal so richtig los lassen kannst und es egal ist ob man jetzt nun weint.
    Man fühlt sich mit den Menschen viel verbunden die einem das Herz öffnen.

    Ich habe eine Freundin die ihre Gefühle immer nur für sich behält. Gerade jetzt in einer sehr schweren Phase, durch die sie geht. Jetzt merke ich und frage mich wie tief unsere Freundschaft geht.
    Ich finde die weiche und fühlende Seite eines Menschen wunderbar.
    Vor allem in der heutigen Zeit wo alles höher, weiter und schneller gehen muss.

    Fühl dich gedrückt. 🙂
    Liebste Grüße
    Dana

  • sui fēng
    18. März 2016 at 16:28

    Du Liebe… Ich habe mir über meine 40 ihrerzeit gar keine Gedanken gemacht. Die Zahlen kommen, sie gehen. Das war die Jahre zuvor auch schon so 😀 .

    Zu der anderen Geschichte – das ist wichtig. So ehrlich und berührend. Ich wünsche dir viel Kraft und weiter so intensive Momente. Danke für deine Offenheit <3 !

    Nicole

  • Marleen
    18. März 2016 at 17:31

    So gute Gedanken.
    Auch mein Vater ist mit 41 Jahren nach dem Skiurlaub (!!!) einfach so umgekippt und nie wieder aufgestanden.
    So ein plötzlicher Verlust macht einen unglaublich stark und lässt sehr schnell die Weichheit verschwinden. Ich muss auch oft drandenken, dass Schutzschild nicht immer hochzuhalten.
    Danke für den Reminder und fühl dich gedrückt,
    Marleen

  • Madhavi Guemoes
    18. März 2016 at 19:19

    Oh, das tut mir sehr leid!!! Ebenfalls ganz doll gedrückt. Alles Liebe, Madhavi

  • lisa
    21. März 2016 at 10:01

    Liebe Madhavi,

    es freut mich, dass du so tolle Erfahrungen in Soami gemacht hast. Ich war auch ganz begeistert von der Art zu kochen und habe die Wirkung noch lange gespürt.
    In der Woche in Soami konnte ich spüren, wie weich und emotional ich wirklich bin und wie sehr man sich in einer Stadt in Berlin und unserer schnellen Art zu Leben schützt und sich zu macht.
    Da gehe ich voll mit dir mit.

    Die Art und Weise wie in Soami mit den individuellen Geschichten umgegangen wird, war für mich jedoch nicht immer nachvollziehbar und teilweise sogar in meinen Augen gefährlich. Es wurden Dinge aufgewühlt und dann musste die Sitzung leider beendet werden, da die Stunde um war und die Suppe auf den Herd musste. Ich denke, wenn es dazu kommt, dass das was so lange runtergeschluckt wurde hoch kommt, sollte dies auch besser begleitet/beschützt werden.

    Ich freue mich für dich, dass du so andere Erfahrungen machen konntest.

  • Madhavi Guemoes
    21. März 2016 at 12:44

    Liebe Lisa,

    echt, das habe ich total anders erlebt. Da war Raum für jeden und jederzeit. Und auch im Nachhinein kann man die beiden immer kontaktieren. Blöd, dass Du so einen Eindruck bekommen hast. Liebe Grüße, Madhavi

  • Lena
    23. März 2016 at 21:36

    ein wunderbarer Bericht, herrlich, so zu entgiften und wieder Leichtigkeit und Sinn zu spüren, vielen Dank!