Column

Madhavi & das Leben // Nackt am Strand tummeln ist nicht mein Ding

25. Juni 2019
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Gestern schrieb mir meine Freundin, dass sie gerade auf dem Weg zum Schwimmen sei, sich dann im Spiegel erblickte und nicht mehr losziehen konnte, weil sie der Anblick total abturnte.

Es folgte ein Gespräch per WhatsApp, wirklich unterhaltsam, was mich aber auch zum Nachdenken brachte. Ich stehe überhaupt nicht nicht auf Tage über 25 Grad. Und schon gar nicht auf Tummeln am Strand mit vielen fremden Menschen, die sich stündlich einölen und ihren hart trainierten Körper feiern.

Ich ziehe einen einsamen Strand mit viel Schatten vor. Ich gehöre nicht zu den Menschen, die es kaum erwarten können, sich zu entkleiden. Nackige Menschen sind mir ein Graus. Weshalb ich Saunagänge meide.

Vor ein paar Tagen schrieb mir eine andere Freundin, die ich am Samstag in Hamburg besuchen werde, dass wir gemeinsam an den Strand fahren werden. Was für sie pure Freude ist, bedeutet für mich absoluter Stress. Das weiß sie nicht, dass ist auch gut so.

Das war schon immer so. Als Teenager habe ich mich gern während der Hitze unter einer Burka versteckt. Lieber im Schatten Tischtennis gespielt, als mit meinen Eltern an der Croisette an einem Privatstrand zu faulenzen.

Alle hielten mich für total durchgeknallt. Ich liebe den Frühling und den Herbst, da ist man so schön mäßig gekleidet. Nicht zu warm, nicht zu kalt. Man hat was an. Man kann vernünftig denken.

In meiner Kindheit marschierte meine Familie mit mir immer an den FKK Strand. Mir wird heute noch anders, wenn ich (Achtung böse!) an die vielen alten Schniedel denke, die schlapp wie eine welke Palme an den Körpern alter Herren hingen. In die Jahre gekommene Männer, die einen durch ihre dunkle Brille stundenlang beobachteten und Gott weiß was dachten. Eine Tortur.

Irgendwann wurde mir das zu bunt und ich rebellierte. Behielt meinen Bikini an, was zum Rauswurf vom FKK Strand führte. Das hat mir bis heute niemand aus meiner Familie verziehen.

Vor ein paar Jahren unterrichtete ich im Sommer eine Yogagruppe im Ausland. Es war unfassbar kalt morgens am Strand. Der Wind fegte über unsere Köpfe hinweg, es gab absolut keinen Grund, sich auszuziehen. Was die zehn Damen aber nicht davon abhielt, sich nach der Yogastunde nackt in die Fluten zu stürzen.

Mit einer Selbstverständlichkeit entblößten sie sich, ich blieb verwurzelt auf meiner Matte sitzen und dachte nur: „Madhavi, was zum Henker ist verkehrt mit dir, dass du da nicht mitmachst.“ Ich kann einfach nicht. Ich will einfach nicht.

Um es kurz klarzustellen. Ich mag meinen Körper. Ich mag mich sehr. Und letztes Jahr habe ich mich sogar getraut, mich mal wieder im Bikini zu zeigen, trotz meiner Narben auf meinem Bauch (Nabelbrüche). Das fühlte sich ganz gut an. Trotzdem ist es nicht meine Lieblingsaufgabe geworden. Ich habe nur einen Bikini und da ist gerade das Unterteil verschwunden. Ich bin nicht mal fähig, einen einzigen Bikini zusammenzuhalten.

Heute kann ich sagen, dass ich nicht mehr dagegen arbeite, mich mit meinen komischen Anwandlungen akzeptiere, nicht der Norm entspreche. Ich bleibe einfach im Schwimmbad auch mal angezogen, wenn ich das Gefühl habe, es passt mir nicht, mich zu enthüllen. Schwimmbäder sind der absolute Horror für mich, aber ich habe ja Kinder, da mache ich gute Miene zum bösen Spiel.

Für mich ist das ein wenig wie Silvester. Alle feiern, doch ich möchte mich eigentlich verkriechen und warten, bis der Zirkus vorbei ist. Wie gern wäre ich anders. Bin ich aber nicht. Ich habe es versucht, funktioniert nicht.

An alle, die sich im Spiegel sehen, bevor sie an den Strand flitzen und es dann doch nicht wagen, weil sie in Schockstarre verfallen: In eurem Körper wohnt eure Seele. Habt eure Körper lieb.

Wenn ihr euch aber einfach wohler fühlt, wenn ihr mehr anhabt als alle anderen, lasst es zu. Keiner darf über euch entscheiden, wie ihr auszusehen habt. Ob angezogen oder nicht, bleibt euch treu. Es ist eure Entscheidung, euer Wohlbefinden. Und es ist völlig legitim, anders zu handeln als von einem bei der Hitze erwartet wird.

Eure Madhavi

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  • Sandra
    25. Juni 2019 at 12:46

    Liebe Madhavi,
    ich danke dir sehr für diese Zeilen!
    Schon immer sind mir andere Körper ein Graus und ich möchte selber einfach nicht angeguckt werden. Lange habe ich gegrübelt, was da wohl unterdrücktes dahintersteckt, bis ich dann beschlossen habe, dass ich es einfach nicht mag. So wie man vielleicht Äpfel einfach nicht mag, oder Mais. Und das ist völlig in Ordnung so. Auch wenn ich meinen Körper gern habe und schön finde, muss ich ihn nicht zeigen.

    Liebe Grüße von der Ostsee,
    Sandra

  • Andrea Huber
    25. Juni 2019 at 12:49

    Liebe Madhavi,
    selten habe ich mich in einem Artikel so wieder gefunden.♡
    Ich denke, es gibt einiige Menschen, die genau so denken.
    Oft werden sie durch den Gruppenzwang aber einfach mitgezogen, und verbringen eine unglückliche Zeit.

    Hab eine schöne Woche in Deinem wunderschönen Studio.🌞

    LG aus München, Andrea Sophie

  • Line
    25. Juni 2019 at 14:12

    Danke, liebe Madhavi. Ein toller Artikel, ich habe sehr geschmunzelt. Denn es zeit, wie unterschiedlich wir alle sind – und das ist absolut in Ordnung so.

    Liebe Grüße aus Berlin
    Line

  • Isabel Leistikow
    25. Juni 2019 at 14:36

    Ein richtig guter Artikel, liebe Madhavi! Ich danke Dir von Herzen dafür <3
    Herzlichst,
    Isa

  • Magdalena
    25. Juni 2019 at 15:46

    Danke, liebe Madhavi!
    Mir geht es ebenso – es tat gut, das zu lesen!

  • Rebecca
    25. Juni 2019 at 17:32

    Ach Madhavi, du bringst es mal wieder mit unvergleichlich zauberhafter Leichtigkeit genau auf den Punkt! Ich danke dir.

  • Charlotte
    27. Juni 2019 at 22:01

    🙂 Dankeschön! Du sprichst mir aus der Seele, Charlotte

  • Charlotte
    27. Juni 2019 at 22:02

    Dankeschön! Du sprichst mir aus der Seele, Charlotte

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