Column

Madhavi & das Leben // Manchmal lohnt es sich nicht, sich aufzuregen

16. Januar 2019
madhavi-guemoes

Es gibt Tage, da wundere ich mich ununterbrochen. Manchmal klappt mir auch die Kinnlade bis zu den Kniescheiben runter. So wie heute.

Schon nach einem verkorksten Morgen bin ich der Meinung, dass ich den Tag lieber unter meiner Bettdecke verbringen sollte. Was ich dann aber nicht tue, schließlich lasse ich mich nicht von ein paar doofen Ereignissen in die Irre führen. Der Tag muss schließlich elegant weitergeführt werden.

Ich fahre mit der U-Bahn zu einem Termin nach Berlin-Mitte. Wenn ich an meiner Haltestelle einsteige, gibt es immer Plätze wie Sand am Meer, was sich drei Stationen weiter Richtung Mehringdamm schlagartig ändert.

Noch ein paar Stationen weiter, mittlerweile bekommt niemand mehr Luft vor Enge, steigt ein Mann mit Hut um die 50 ein. Neben mir ist kein Platz mehr, gut, vielleicht zehn Zentimeter, jedoch kein Grund, sich in diese klägliche Ritze zu quetschen.

Das juckt den Herrn aber nicht. Er schubst mich beiseite, rammt mir seinen Ellenbogen mit Karacho in die Rippen,  als wolle er sagen: „Weg da, du blöde Nudel.“ Ich bin irritiert und empört, die Leute, die mir gegenüber sitzen schauen mich mitleidig und erschrocken an.

Nachdem ich mich wieder halbwegs gefangen habe, holt er seine Tageszeitung heraus, breitet seine Ellenbogen noch weiter aus und fängt an, seine dicken Oberschenkel zu spreizen, um noch mehr Platz zu erhaschen. Mittlerweile drohe ich zu ersticken, schwöre mir jedoch, nicht vor seinen Augen abzukratzen. Ich kann aber auch nicht aufstehen, oder mich umsetzen, denn es ist einfach zu voll.

Mich kann soetwas richtig schön auf die Palme bringen. Wenn jemand keine Manieren hat und selbstgefällig daherkommt, werde ich normalerweise zur Hyäne.

Bleib von meiner Aura fern!

Ich versuche meine Aura von seiner offensichtlich aggressiven zu schützen, doch verdammt, mir fällt das Mantra dazu nicht ein und flüssiges Netz zum Googeln habe ich leider in der U-Bahn auch nicht.

Generell mache ich bei Unverschämtheiten immer meinen Mund auf. Heute nicht. Ich frage mich, ob es sich lohnt, diesen Kampf zu führen, oder ob ich meine Energie nicht lieber bündeln sollte, um sie für meine Projekte heute einzusetzen. Ich entscheide mich für letzteres, schließe meine Augen, tauche in die Stille, ja, meditieren geht ja irgendwie dann doch überall, wenn man möchte, und lasse alles einfach über mich ergehen.

Endlich faltet er seine Zeitung zusammen. Ich atme tief durch. Gleich wird er aussteigen, hurra. Friedrichstraße. Menschen strömen aus und wieder ein. Der Mann neben mir nutzt die Gelegenheit, um nach rechts zu rutschen. Danke.

Es wird wieder eng, kein Problem. Bis sich eine Dame quasi auf meinen rechten Oberschenkel setzt, weil sie leider viel viel breiter ist, als sie denkt. Autsch, das tut weh. Sie macht aber auch keine Anstalten, sich wieder von meinem Schoß zu entfernen. Sie ist schwer. Sehr schwer. Ich versuche, mich zu befreien.

Manche Menschen sind einfach frech

Gut, ich habe mich bei dem Herrn nicht lauthals beschwert, liebe Existenz, ich habe die Prüfung doch bestanden, oder etwa nicht? Jetzt wartet die nächste auf mich. Es kommt quasi im wahrsten Sinne des Wortes noch dicker. Die Dame ruckelt hin und her und versucht mich tatsächlich mit ihrem Oberarm wegzuwischen. Ich muss lustig aussehen, so eingequetscht. Die Leute gegenüber schmunzeln.

Endlich kommt meine Haltestelle, ich muss sie bitten, sich von meinem Schoß zu entfernen, damit ich aussteigen kann. Ich verlasse die U-Bahn und muss unglaublich lachen. Es gibt Situationen, die sind so absurd, da lohnt es sich nicht, sich aufzuregen. Manche Menschen sind einfach frech, rücksichtslos und haben keinen Anstand. Sie bekommen das wahrscheinlich nicht einmal mit.

Natürlich hätte ich etwas sagen und meine kostbare Energie verschleudern können. Doch das wäre bestimmt nicht gut ausgegangen. Sie hätten wahrscheinlich geschimpft und es nicht verstanden.

Es hätte meinen Tag, mein Zen und meinen Teint versaut. Ich finde es so wunderbar, wählen zu können. Das musste ich lange lernen.

Jeden Tag aufs Neue entscheiden zu können, wie ich reagieren möchte, ist ein Geschenk. Ich habe meinen Geist halbwegs unter Kontrolle. Wie sagt mein Mann immer so klug: „Kämpfe sollten da geführt werden, wo sie wirklich notwendig sind.“ Genau!

Eure Madhavi

© Lena Fingerle

Madhavi Guemoes
Madhavi Guemoes dachte mit 15, dass sie das Leben vollständig verstanden habe, um 28 Jahre später zu erkennen, dass dies unmöglich ist. Sie arbeitet als freie Autorin und Vollzeit-Bloggerin in Berlin und ist Mutter von zwei Kindern. Wenn sie nicht in die Tasten haut, versucht sie auf dem Kopf zu stehen. Madhavi praktiziert seit mehr als 25 Jahren Yoga - was aber in Wirklichkeit nichts zu bedeuten hat.
Madhavi Guemoes on EmailMadhavi Guemoes on FacebookMadhavi Guemoes on InstagramMadhavi Guemoes on PinterestMadhavi Guemoes on Twitter