Column

Madhavi & das Leben: Erleuchtung am Himmel

23. November 2015
Madhavi Guemoes

Ich bin wieder sicher in Berlin gelandet. Das mit dem „SICHER“ ist schon so eine Sache, denn Fliegen ist im Allgemeinen für mich alles, nur ganz bestimmt nicht sicher.

Ich leide seit Jahren unter Flugangst. Doch das ist jetzt vorbei, aus die Maus, ich bin nämlich seit gestern offiziell, ähm, erleuchtet.

Ich muss aber ein wenig ausholen, damit ihr mich, und meinen sonnigen Werdegang, auch versteht.

Fliegen fand ich schon immer unvernünftig. Nützlich, aber verrückt. Ich tat es, weil man Indien so schlecht zu Fuß erreichen kann.

Eines Tages, wie sollte es anders sein, hatte ich ein mieses Flugerlebnis. Ich war auf dem Weg nach Mumbai.

Ich flog mit einer winzigen Cross Air Maschine nach Zürich. Bei der Landung schien der Pilot allerdings zu pennen, denn es ging plötzlich übermäßig rasant und unkontrolliert bergab.

Unerwartet wurde ich innerlich ruhig wie ein Baum, während neben mir sämtliche Taschen rumflogen, und die Geschäftsleute kreischten und heulten. Ich hörte Sätze wie: „Nein, ich will noch nicht sterben.“, „Ich habe doch Familie.“ oder „Das war’s jetzt, so eine verdammte Scheiße.“

Genau das dachte ich auch. So ist es also, wenn man abstürzt. Ich schaute mir die Flugbegleiterinnen an, denen die Panik im Gesicht klebte. Mir wurde schwindelig. Es ging im Sturzflug nieder. Ich war wie gelähmt.

Irgendwie bekam der Pilot den Flieger in den Griff. Nachdem wir gelandet waren, bewegte sich niemand. Totenstille. Alle waren grün im Gesicht, auch der Pilot. Er schwafelte etwas von schwierigen Winden.

Ich hatte die Wahl, weiter nach Mumbai und das Erlebte vergessen, oder mit dem Zug wieder zurück nach Hause. Ich entschied mich für ersteres und saß acht Stunden kerzengerade in meinem Sessel. Bei jeder kleinsten Turbulenz zuckte ich panisch zusammen.

Eine Woche später saß ich in Indien in einem Internet-Café und las die News. Die gleiche Cross Air Maschine, mit der ich vor ein paar Tagen fast abgestürzt war, war beim Landeanflug auf den Züricher Flughafen verunglückt. Mit dabei die Sängerin Melanie Thornton, die gerade auf Promo-Tour war. Ich war erschüttert und das nachhaltig.

Als es für mich ein paar Monate später wieder nach Hause ging, schmiss ich eine wirkungsvolle Beruhigungstablette ein, ich war nicht willig, den Flug nüchtern zu ertragen.

Fünf Jahre vergingen, bis ich wieder in ein Flugzeug stieg. Jedes Mal mit leichter Panik, tauben Armen. Da halfen auch keine Atemübungen oder sphärische Klänge aus meinen Kopfhörern.

Vor ein paar Wochen hatte ich ein Gespräch mit meinem Mann, der mehrmals die Woche durch die Gegend gondelt. Ich fragte ihn, wie er seine Flugangst besiegt hatte. Er meinte, er hätte die Angst einfach nicht mehr gefüttert. Wie klug!

Ich kann 20 Stunden im Flieger sitzen und kein Auge zumachen. So gern ich möchte, es klappt einfach nicht.

Gestern also im Flugzeug. Ich hatte schon eine Flasche Arconitum (ein homöopathisches Mittel gegen Angstzustände) intus und ein paar Weleda Beruhigungstabletten. Doppelt hält besser. Ich bekam wieder diese tauben Arme, aber ich versuchte, es zu ignorieren. Ich sprach mit mir ein Machtwort, während wir schon in der Luft waren.

Da plötzlich ein Geistesblitz! Eine Stimme tönte aus meinem Inneren: „Madhavi, jetzt halt mal die Füße still, denn auch, wenn du abstürzen solltest, sei dir immer bewusst, dass du nicht dein Körper bist. Deine Seele wird davon unangetastet bleiben….“

Na klar! Dass ich nicht früher darauf gekommen bin!

Ich wiederholte es mantra-mäßig, es half. Was für eine Erleichterung!

Ich hatte den besten Flug meines Lebens. Ich habe meine Ängste einfach nicht genährt.

Wie viele Jahre bin ich längere Reisen nicht angetreten, weil ich im Vorwege so verängstigt war. So ein Stress für meinen Körper. Ich war noch nie in New York, unvorstellbar, über den großen Teich. Aber nächstes Jahr, versprochen!

Warum sich von Ängsten blockieren lassen, wenn es doch ganz anders geht? Eben!

Love & Rockets,

Madhavi Guemoes

 

 

 

P.S. Ein ausführlicher Kopenhagen Bericht folgt in den nächsten Tagen!

 

Madhavi Guemoes
Madhavi Guemoes dachte mit 15, dass sie das Leben vollständig verstanden habe, um 28 Jahre später zu erkennen, dass dies unmöglich ist. Sie arbeitet als freie Autorin und Vollzeit-Bloggerin in Berlin und ist Mutter von zwei Kindern. Wenn sie nicht in die Tasten haut, versucht sie auf dem Kopf zu stehen. Madhavi praktiziert seit mehr als 25 Jahren Yoga - was aber in Wirklichkeit nichts zu bedeuten hat.
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  • Andrea
    23. November 2015 at 11:23

    Liebe Madhavi,

    sehr schön gesagt…wenn es denn auch so einfach umsetzbar wäre :-). Allzu oft fallen wir in solche Geschichten, nähren sie, indem wir immer wieder den Fokus darauf richten…dabei lernen wir ja auch gerade im Yoga dass da, wo wir unsere Aufmerksamkeit hin richten, die Energie hinfließt. Was auch sehr hilft, ist, die Dinge in Liebe anzuschauen, sie da sein zu lassen und anzunehmen, so wie sie sind und ja, sich immer wieder bewusst zu machen, ich bin mehr als „nur“ Mensch.

    Danke fürs teilen,
    alles liebe,
    Andrea

  • Fräulein Julia
    23. November 2015 at 17:48

    Eine interessante Geschichte… Eine ähnliche „Erleuchtung“ hatte ich bei meiner ersten Indien-Reise: Ich saß schon seit einigen Stunden in einem dieser „super deluxe comfort travel coaches“, der völlig heruntergekommen und kaputt über die Schlaglöcherstraßen humpelte. Und zwar in Windeseile, und das obwohl sich links von uns ein völlig ungesicherter Abhang befand… Erst hatte ich Schweißausbrüche und Panikanfälle – und dann plötzlich, völlig aus dem Nichts, den Gedanken: „Wenn du jetzt mit dem Bus den Abhang hinunterstürzt, dann ist es eben so, dann kannst du auch nichts mehr tun!“ Und von jetzt auf gleich war ich völlig ruhig. Vielleicht ein bisschen arg fatalistisch, aber es hilft mir in allen Situationen dieser Art (auch beim Fliegen).

  • Madhavi Guemoes
    23. November 2015 at 17:50

    Oh, das kenne ich aus Indien auch, das ist so furchtbar.

  • Caro Heilbut
    2. Dezember 2015 at 14:30

    Oh New York-ich komm mit;-)

  • Madhavi Guemoes
    2. Dezember 2015 at 14:58

    Ja!!!

  • BirkenBär BirnBaumBart
    17. Dezember 2015 at 23:40

    Ich habe keine Probleme mit dem Fliegen, weil ich schon als kleiner Junge mit meinem Vater oft im Motorsegler und einmal im Segelflugzeug saß und es liebte durch die Lüfte zu „fahren“ / fliegen / segeln. Wer die wirklich Verrückten sind, wisst ihr sicherlich – die die sich in eine Rakete setzen und mit 26 Millionen PS ins All geschossen werden – Astronauten! Ich habe in diesem Sommer Alexander Gersts Mission auf FB verfolgt und mich mitgefreut bzw. auch neidlos erkannt, daß mein Kindheitswunsch nicht in Erfüllung gegangen ist. Leider habe ich Versagensängste bzgl. Segelflugzeug-Pilotenscheinprüfung und deshalb habe ich bisher dieses Lebensziel (Traumziel / Wunschtraum) immer aufgeschoben. Doch im nächsten Jahr hoffe ich eine Ausbildung als Leichtflugzeugbauer anzufangen und evtl. das ein oder andere Mal wieder mitfliegen zu können. Der Segelflugsport war und ist leider für meinen Geldbeutel ziemlich unerschwinglich, und letztlich doch purer Luxus, wenn man bedenkt wieviele Menschen in Armut elendig leben und sterben.
    Ich glaube „Erleuchtungen“ oder Gedanken die man in Paniksituationen entwickelt, fühlen sich zwar in der Situation oft richtig an, aber man sollte sie auch in einer etwas ungefährlicheren Situation nüchtern auf ihren Wahrheitsgehalt überprüfen. Wobei es für mich nicht nur „die eine Wahrheit“ gibt. Ich denke jede/r hat & lebt ihre/seine Wahrheit. Das Ding ist bloß, daß man die „ganze Wahrheit“ nie in Worte fassen kann bzw. auch nicht via Hörfunk / Fernsehen / Socialmedia transportieren kann. Deshalb wundere ich mich über die Leute, die auf die Straße gehen und Lügenpresse schreien – wissen die denn nicht, daß diese Medien nur ihre Wahrheit bzw. nur Ausschnitte ihrer Wahrheit ver“künden“? Und ja – es ist richtig, daß auch mal gelogen wird im Hörfunk / Fernsehen / Socialmedia – oder die Wahrheit verdreht wird – da arbeiten auch nur Menschen. Und Menschen sind dazu in der Lage sich selbst und andere zu belügen bzw. sich selbst und andere zu (ent-)täuschen. Aber wer keine eigenen Erfahrungen macht (was ich für ziemlich unmöglich halte), wird wohl auch Schwierigkeiten damit haben die eigenen Erfahrungen und eigenen Wahrheiten zu beschreiben.
    Deshalb: Vielleicht mache ich nicht dieselbe Erfahrung wie du Madhavi und erfahre formuliere deshalb auch eine andere Wahrheit: Ich bin mein Körper, mein Geist & meine Seele – alles ist untrennbar miteinander verbunden. Stirbt mein Körper so stirbt auch mein Geist – stirbt mein Geist so stirbt auch meine Seele. Manchmal lebt man aber auch ziemlich geistlos dahin oder gar seelenlos und manchmal nimmt man seinen Körper kaum wahr (das nennt die moderne Psychologie glaub ich Dissoziation). Jedenfalls würde ich gerne lang und gesund leben und ich fänd es wünschenswert mehr als nur einmal zu leben (also wiedergeboren zu werden). Doch dies scheint mir kein realistischer Wunsch zu sein. Auf jeden Fall kann ich nicht soviel mit dem Yoga anfangen, der besagt: Menschen müssten sich aus dem Kreislauf der Wiedergeburten befreien. 1. glaube ich an keinen Kreislauf der Wiedergeburten (außer im Sinne von: mein Körper stirbt, wird verbrannt & die Asche begraben, sodaß daraus Erde wird, die dann wiederum Basis für pflanzliches Leben wird…) – ich meine zu wissen: wir leben nur einmal = we only live once also WOLO und 2. das Austreten aus dem Kreislauf er Wiedergeburten klingt mir zu sehr nach Lebensüberdruss und Todessehnsucht 3. es ist vollkommen unlogisch, daß meine schon verstorbenen Großeltern potenziell meine Enkelkinder werden könnten oder in einer noch zukünftigeren Generation die Kindeskinder meiner Enkelkinder werden würden 4. außerdem wäre das nebenbei bemerkt ziemlich verwirrend, wie ich finde.
    Ich meine Menschen sollten ihr kostbares Leben leben und sich bemühen keinem Lebewesen (auch nicht sich selbst) zu schaden, sondern dem Ideal dienen, das Leid in der Welt zu lindern. Daß Menschen anstatt sich zu bemühen Leid zu vermindern aber das Gegenteil tun, ist immer wieder entsetzlich, erschreckend, traurig, zum verzweifeln, zum verrückt werden, zum Haare raufen, zum wahnsinnig werden…..
    Ich bemühe mich seit nunmehr 24 Jahren bewußt möglichst gewaltfrei zu leben und bemühe mich erst seit 3 Jahren vegan und sogar naturan zu leben – siehe http://www.naturan.org.

    Om shanti shanti shanti

    PS: Ist das Wörtchen ‚om‘ nicht nur im Schwedischen, Dänischen sondern auch im Norwegischen in Gebrauch?

    Liebe Grüße aus dem Wohnzimmer

    Marienfelde
    Tempelhof
    Berlin
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