Food Mind

Gutes Essen, böses Essen – oder warum die Verzweiflung?

30. Oktober 2014
Gutes Essen

Oje, es wird immer unerträglicher. Ich bin schier verzweifelt. Egal, wo ich erscheine, überall wird nur noch über das Essen geschwafelt. Gutes Essen, böses Essen. Dabei geht es nicht um Genuss, nein, es geht meistens um akribisch ausgerichteten Verzicht.

Essen ist plötzlich in jeder Form „böse“. Nicht „clean“ genug, nicht roh oder vegan genug, oha, mit schlimmen Gluten oder sonst irgendeinem Zeugs versehen. Wo soll das bloß hinführen? Wo bleibt denn das Amüsement?

Mein Mann kam neulich nach Hause und meinte irgendwas von „Kohlenhydrate sind böse“ und holte Salat aus der Tasche. Ich erwiderte: „Du würdest nicht überleben, würde deine Frau keine Kohlenhydrate mehr essen……“

Ich hatte immer eine Schwäche für gesundes Essen. Jahrelang lebte ich makrobiotisch (wer nicht weiß, was das ist, bitte googlen), verzichtete auf Zucker und viel Freude. Dann gab es sechs Jahre lang Raw Food (oh, ich liebe es) alles immer vegan, versteht sich.

Ich war aber irgendwie sehr eng gestrickt. Ich lief sogar mit meinem Vitamimix unter dem Arm im Ashram auf und nuckelte, während alle heiter zusammen saßen und Krishnas Süßspeise aßen, verzweifelt an meinem Smoothie.

Mir kam nur „gutes“ Essen auf den Tisch. Es musste „rein“ sein und erhebend wirken. Aber das machte mich sehr einsam. Ich hatte einen Knall.

Dann kam vor ein paar Jahren die Wende und ich beschloss: „Weg mit dem Dogma, nur ein bisschen, und wir haben hier alle mehr Spaß.“

Doch leider machte meine Umwelt mir einen dicken Strich durch die Rechnung.  Alle fingen plötzlich an, irgendwelchem Ernährungskram zu folgen. Keinen Kaffee oder Grünen Tee mehr zu trinken und ach ja, Schokolade gab es plötzlich nur noch zu Weihnachten.

Wieder stand ich da. Ich wollte doch jetzt so schön frei sein und ich wollte, dass alle mitmachten.

Neulich war ich auf einem Geburtstag. Meine Freundin stellte das Buffett vor: „Das ist vegan, da ist Ei drin, das ist vegetarisch und das ist …..“ Drang eine sympathische Stimme aus dem Hintergrund und zeigte auf ein Törtchen: „Ist das glutenfrei?“ Ich lachte, bekam einen irritierten Blick zugeworfen und dachte:  So ist das jetzt, wenn man auf wilde Feten geht.

Vor drei Wochen postete ich auf Instagram (keine Sorge, es ist nicht mehr dort) ein Foto aus London, auf dem Pommes Frites und eine Cola zu sehen waren. Untypisch für mich. Aber es gab weit und breit nichts zu essen und ich hatte einen Mordshunger.

Ich war heilfroh, etwas zu essen zu bekommen – dabei vertrage ich Kartoffeln nicht mal so gut. Ich hatte die Wahl: Pommes oder Fisch.  Die Cola gehörte übrigens gar nicht mir. Nach nur fünf Minuten hatte ich 12 „Follower“ weniger. Ich fand das sehr amüsant.

Für manche Menschen ist die Identifizierung mit „gesundem“ Essen einfach alles. Das macht mir Sorge. Weil es immer extremer wird.

Ich möchte einfach nur dankbar für mein Essen sein. Klar, ist es erstrebenswert, gesund und achtsam zu essen, keine Frage.

Doch wenn Freundschaften gekündigt werden, weil jemand sein Essen über 42 Grad erhitzt oder nun ja, doch noch überreifen Käse im Kühlschrank hat, oder man erst gar nicht mehr am Essen teilnimmt, weil es nicht „gut genug“ ist, dann sollten wir nachdenken.

Dabei meine ich nicht die Leute, die wirklich Unverträglichkeiten haben.

Was merkwürdig ist: Seitdem ich mich nicht mehr ganz so arg auf „gesundes“ Essen fixiere, aber trotzdem noch richtig gesund esse, geht es meinem Körper und meiner Seele so viel besser.

Ich wünsche mir jedenfalls meine Freunde zurück, die mit mir hin und wieder mal einen leckeren Kuchen naschen und Kaffee trinken – und nicht das ganze Essen nach Schadstoffen durchpopeln, um zwei Stunden später für sieben Tage zu detoxen. Machbar, oder?

  • Eva
    30. Oktober 2014 at 9:03

    Hallo Madhavi,
    Du sprichst mir aus der Seele.
    Ich bin seit 25 Jahren Vegetarierin, davon seit 15 Jahren Veganerin, aus tiefster, tiefster Überzeugung. Ich finde es toll, dass immer mehr Menschen auf tierische Nahrungsmittel verzichten, aber dieser ganze „ichmussjungundschönsein“- Egotrip geht mir furchtbar auf die Nerven. Es gibt wirklich wichtigeres, was nicht heißt, dass man nicht auf seine Gesundheit achten sollte.
    Ist Dir mal aufgefallen, wie viele plötzlich eine Glutenunverträglichkeit haben?
    Ganz, ganz komisch;-)

  • Karuna
    30. Oktober 2014 at 10:04

    Danke für diesen Beitrag! 🙂 Vielleicht brauchen „wir“ diese Extreme, um letztlich in de Mitte zu finde. Bn gespannt, wie es gesellschaftlich da weitergeht vor lauter Selbst-Verbesserung…

    LG, Karuna

  • Larissa//No Robots Magazine
    30. Oktober 2014 at 10:04

    Essen, ach ja, ein schwieriges Thema. Gerade ist ja der Herr Erfinder von der Fertignahrung Soylent in den Medien und wird dafür von allen Seiten angegriffen. Nicht unbedingt, weil die Menschen anzweifeln, ob das Zeug gesund ist (das tue ich auch), sondern eher, weil die Menschen es nicht ertragen können, dass Herr Soylent keinen Spaß am Essen hat. Ich gehöre auch zu den Menschen, für die Essen kein Genuss sondern nervtötende Zeitverschwendung ist, weil mir einfach nichts schmeckt. Ist eben so. Ich sehe nicht ein, warum mich jemand deswegen angreifen müsste.
    Und dann die Sache mit dem gesunden Essen … Ich bin auch Vegetarierin aus Überzeugung und weiß, dass es mir deutlich besser geht, wenn ich keinen Zucker esse (von der Laktoseintoleranz mal ganz abgesehen). Da verzichte ich lieber auf die Schokolade, als es später physisch zu bereuen. Und ich glaube, dass es vielen Leuten nicht schaden würde, auch mal ein wenig darüber nachzudenken, was sie sich alles reinstopfen.
    Dennoch gebe ich dir ganz recht: Man darf sich davon nicht verrückt machen lassen. Und ich kündige niemandem die Freundschaft, nur weil er Lamm isst (auch wenn ich das echt eklig finde).

  • Sandra
    30. Oktober 2014 at 10:53

    Hallo! 🙂

    Auch mir sprichst du mal wieder ganz aktuell aus der Seele.
    Es ist wirklich so schade, dass man immer mehr Leute sieht, die sich wirklich quälen mit ihrer „gesunden“(/dogmatischen) Ernährung. Da bleibt der Genuß für die Seele völlig außen vor, aber es wird sich fleißig eingeredet, dass man sich super fühlt, mit den 5 Eßlöffel Bio-Quinoa am Tag, die man sich selbstverständlich nur in detoxender Kopfstandhaltung gönnt – völlig übertrieben gesagt. Das kann’s doch nicht sein.

    Ich beschäftige mich gesundheitsbedingt jetzt seit 2 Jahren mit meiner Ernährungsumstellung und dachte am Anfang auch, ich könne nun ja gar nichts mehr essen und war oft den Tränen nahe. Vorallem, weil auch jeder etwas anderes sagt und für die einzig wahre Ernährungsform hält. Wie anstrengend!
    Ein Mittelweg ist die Lösung, meiner Meinung nach. Gesunde, vorallem bewusste (!) Ernährung ist super, aber es sollte nicht zum Krampf werden. Man kann gesund, ausgewogen und vorallem lecker essen, ohne sich beide Beine dabei auszureißen oder nur verzichten zu müssen, wenn man einfach mal ein bischen locker lässt und auf seinen eigenen Körper hört, statt auf das, was andere predigen. 😉

    Liebe Grüße!

  • Angelika
    30. Oktober 2014 at 13:45

    Ich habe da eine kleine Theorie: wenn man sich auf einem „spirituellem“ Weg befindet, kann man ja schlecht mit der neuen Rolex, dem Haus, dem Auto etc. angeben. Dann sind die Statussymbole eben Essen & Disziplin!

  • Madhavi Guemoes
    30. Oktober 2014 at 13:46

    Interessante Theorie. Könnte stimmen. xxx Madhavi

  • Jasmin
    30. Oktober 2014 at 14:00

    Dogmen schützen – vor der eigenen Entscheidung. Genussmitell (Kaffee, Zucker,…) in Maßen zu sich nehmen. Puh, ganz schön schwierig. Wieviel ist das ‚Maß‘? Wann ist es zuviel? Und wollte ich mich nicht schon immer besser und gesünder fühlen? Dann streiche ich eben alle Genussmittel aus meinem Speiseplan, schon muss ich mir keine Gedanken mehr machen.

    Für mich steckt da viel Selbstoptimierungswahn dahinter…. und Luxus. Yeah, wir haben Essen im Überfluss, werfen massig weg. Da ist das Statussymbol eben der Verzicht. Und eine prima Möglichkeit, mich abzugrenzen. Wie konstituieren sich soziale Gruppen? Durch den Ausschluss anderer. Du isst ein Schokotörtchen, weil es so lecker ist??? Du gehörst nicht zu UNS. WIR ernähren uns gesund, weil unser Körper unser Tempel ist…
    und das Explusive spielt eine Rolle……

    Sehr erhellend sind in diesem Zusammenhang m.E. die Überlegungen von Foucault zu den Selbsttechniken….. Am Ende ist es nämlich gar nicht so individuell, sondern wieder höchst gesellschaftlich!

  • Madhavi Guemoes
    30. Oktober 2014 at 14:10

    Ja, das stimmt. Es ist recht anstrengend. Wir haben viel zu viel Zeit, über uns nachzudenken. Was früher der ausgeschlossene Vegetarier war, ist heute der Nicht-Veganer. Dabei sollten wir inspirieren und nicht ausschliessen, oder? xxx Madhavi

  • Madhavi Guemoes
    30. Oktober 2014 at 14:11

    Wie recht Du hast! Wenn man sich weiß zu ernähren, kann man anfangen, gut auf seine innere Stimme zu hören und zu vertrauen. xxx Madhavi

  • Elena
    30. Oktober 2014 at 22:24

    Wow, toller Post. Genau den gleichen Gedanken hatte ich auch letzte Woche. Immer wieder mal vllt auch Bio Fleisch essen oder ein normales Eis. Denn zu 100% auf alles zu verzichten, raubt die Freude am Leben!

    Lg, Elena

  • Linda
    31. Oktober 2014 at 8:55

    Ich schließe mich den Vorkommentaren an – und auch mir geht dieses ganze gut, böse, clean, raw und wasweißichnicht noch alles auf den Sender. Ja, ich probiere gerne mal was Neues aus, ich probiere auch mal Hanfbratlinge und irgendwelchen veganen Brotaufstrich. Und ich will auf meinen täglichen Smoothie nicht mehr verzichten. Ne Tasse Tee ist immer gerne genommen. Aber ich esse nun auch gerne mal einfach ein schnödes Wurstbrot und ’ne Gewürzgurke dazu, oder einen ordentlichen Burger in der besten Frittenbude der Stadt und in der Mittagspause mal ’ne Currywurst. Und wer dann der Meinung ist, das macht mich zu einem schlechteren Menschen – bittesehr. Das ist mir ernsthaft wurscht.

  • Christiane
    31. Oktober 2014 at 10:30

    Liebe Madhavi,
    ich find es so toll, wie du solche Themen einfach immer wieder ansprichst. Dinge über die man sich „heimlich“ schon ewig aufregt aber glaubt, dass etwas nicht mit einem stimmt, wenn man diesem Hype nicht folgt und sich daher nicht traut, das mal laut zuzugeben. Diese Millionen von „meingesundesessen“ Fotos.. so was like ich meistens prinzipiell schon nicht (außer bei Hannah von projektgesundleben, die nämlich eine ziemliche gesunde Einstellung zum gesunden Essen hat 🙂 )
    Ich esse seit ich denken kann ziemlich gesund, viel Gemüse, Obst, weitgehend fleischfrei. Aber dennoch will ich mich nicht NUR vegan oder NUR vegetarisch ernähren müssen. Manchmal esse ich halt weniger Milchprodukte, dann möchte ich aber doch wieder einen Käse genießen, wenn ich in einer Tapasbar in Barcelona sitze esse ich auch mal Fleisch, Süßigkeiten esse ich nicht regelmäßig, Alkohol trinke ich auch mal gerne und Kohlenhydrate muss man ja nicht übermäßig essen. Also was ich eigentlich sagen will: Es ist alles eine Frage des maßvollen Essens und vielleicht auch einfach von Selbstdisziplin (sich Dinge „erlauben“ aber dann nicht direkt über die Stränge schlagen). Man muss sich doch nicht alles auf Teufel komm raus komplett für immer und ewig verbieten. Wo bleibt denn da die Lebensfreude? Und wenn unsere Seele mal eine Pizza braucht, dann ist das ok, solange sie das nicht jeden Tag will. Dann hast du halt mal wirklich eine Pommes gegessen 🙂 Unglaublich dass du dann plötzlich 12 Fans weniger hattest!?! Das ist wirklich komisch und traurig 😀 also versteh mich nicht falsch, ich bin ein großer Fan von gesundem Essen und achte auch auf meine Ernährung, aber diese Dogmen in der Essenskultur nerven einfach…
    Vielen Dank für den Artikel!! Chrissy

  • jenny from the blog
    31. Oktober 2014 at 12:03

    Danke!!!

  • Madhavi Guemoes
    31. Oktober 2014 at 16:16

    Hallo Chrissy, ja, Hannah ist immer ziemlich entspannt, das macht ja auch ihren Blog aus. Gesunde Einstellung, die Du hast. Danke für Dein Feedback!!! xxx Madhavi

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