Mind

Achtsamkeit im Alltag – Kein leichtes Spiel

10. April 2013
Achtsamkeit

Ist es nicht traurig, dass wir oft gerade die Menschen schlecht behandeln, die uns nahe stehen? Das wir nach außen hin zu allen freundlich und entgegenkommend sind? Zu Hause aber rumgeschrien wird, weil die falsche Tomatensauce gekauft wurde? Ich bin der Meinung, dass sich das schleunigst ändern muß. Wir machen Yoga, meditieren, üben uns in Achtsamkeitsarbeit. Ist die Praxis vorbei, verfallen wir flix wieder in unsere alltäglichen Muster, oder?

Als ich bei meinem Lehrer Mooji in London war, ich fünf Tage am Stück meine Ruhe hatte, ist mir ein Licht aufgegangen. Ganz klar: Ich bin hin und wieder eine widerliche Ehefrau und eine noch grässlichere Mutter. Warum? Weil ich meinen Frust, meine Ängste und Sorgen daheim ablasse. Ungefiltert.

Ist das richtig? Nein. Warum bloß glauben wir, dass wir uns bei unseren Partnern, unseren Familien, bei den engsten Freunden, daneben benehmen dürfen? Ist eine Ehe ein Freifahrtschein dafür, den Menschen manchmal lieblos zu behandeln? Gut, so schlimm ist es bei uns jetzt nicht. Aber so mit den Jahren, bin ich nicht mehr ganz so achtsam mit dem, was ich meinem Mann so hin und wieder an den Kopf schmeisse.

Oder den Kindern. Da wird meine Stimme schnell erhoben, wenn auf dem Sofa rumgeturnt wird. Weil vielleicht im Job etwas nicht so gelaufen ist, wie ich es mir gewünscht habe, oder ich total genervt bin. Wir haben zu Hause nun einen Deal. Schreie ich meine Kinder an, muß ich jedem fünf Euro in die Hand drücken. Das ist viel Geld. Zum Glück reiße ich mich am Riemen und erspare meinem Geldbeutel die Ebbe (und meinen Kindern eine aufbrausende Mutter).

Nicht, dass ihr mich falsch versteht. Reibung muss sein, auch Streit darf vorkommen. Nichts ist langweiliger als ständige Ja-Sager in der Familie, oder im Freundeskreis. Aber bitte achtsam und mit Verstand.

Wie wäre es also, wenn wir versuchen, zu Hause, mit den Menschen, die uns nahe sind, so liebevoll wie möglich umzugehen? Ihnen zuhören? Ihnen Zeit schenken? Für sie da sind? Sie nicht als selbstverständlich nehmen? Ein Nest bauen, in dem alle so sein können wie sie sind?

All den Scheiß, der uns belastet, dann dort ablassen, wo er hingehört? Bei der Kollegin. Beim Chef. Bei der Nachbarin, die die ganze Zeit nölt? Ist schwer, ich weiß.

Dazu braucht man Mut und noch viel mehr: WILLENSKRAFT. Man muß es wollen. Für die Menschen, die wir lieben. Eine Veränderung herbeiführen. Für sich einstehen und nicht den Kopf einziehen, wenn es notwendig ist. All den Müll mal nicht mit nach Hause nehmen….Vielleicht werden wir nicht mehr als so freundlich und strahlend wahrgenommen.

Hier ein paar Tipps, wie du dich deinen Liebsten mit Achtsamkeit wieder mehr annähern kannst:

  1. Beginne zuzuhören. Was möchte dir dein Partner (Kind, Mutter etc.) sagen? Findet er die richtigen Worte? Wenn nicht, kannst du trotzdem wahrnehmen, spüren, was er sagen möchte, oder nagelst du ihn an dem fest, was er grad von sich gegeben hat?
  1. Wenn du dich plötzlich in deinen Emotionen gefangen fühlst, und dich nicht sortieren kannst, gehe vor die Tür, einmal um den Block. Atme tief durch und sage dir : „Egal was grad ist, meine Essenz bleibt davon völlig unberührt.“
  1. Plane Zeit mit der Familie. Ich kenne es selbst. Ich bin mehr unterwegs, als zu Hause. Da verliert man schon mal den Anschluss. Nimm teil am gemeinsamen Leben. Plane, gemeinsam zu Essen. Einmal am Tag ist wichtig, um die Energie in der Familie zu halten.
  1. Finde einen Weg, damit du das Gefühl bekommst, einverstanden mit dem zu sein, wie dein Leben ist. Einverstanden zu sein, ist ein wundervoller Zustand, der einen erdet. Glaube mir, die Menschen um dich herum werden es merken, weil du viel zufriedener bist.
  1. Sei mitfühlend. Hilft sehr, andere zu verstehen, und ihnen wieder näher zu kommen. Erzählt dein Partner (Freundin oder Kind) dir etwas, beginne nicht gleich zu antworten. Finde keine Lösung, sondern sage ihm, daß du es verstehen kannst, dass du vielleicht sogar auch mal so einer Situation warst. Mir persönlich gibt es sehr viel, wenn jemand mich so aufnimmt. Ich bekomme dann das Gefühl aufgefangen zu werden, ohne dass die Person viel sagen muß.
  1. Nun zum letzten Punkt.  Dieser Punkt braucht ein wenig Zeit. Finde heraus, wo deine Schattenseiten sind. Ein Beispiel: Du schreist nach der Arbeit immer deine Kinder an, weil du völlig erschöpft bist. Oder: Du kritisierst deinen Partner unaufhörlich, weil du mit deinen eigenen Haaren unzufrieden bist…… Frage dich, warum du so oder so handelst. Finde den Ursprung. Dann versuche wirklich mal, die Dinge in deinem Leben zu ändern, dass du so nicht mehr handeln mußt. Das meine ich ganz ernst. Schaue genau hin. Das Nächste wäre, daß du ein Versprechen mit dir ausmachst. Schreibe dir dein Vorhaben ganz genau auf. Zum Beispiel: Ich möchte nicht mehr meine Kinder anschreien. Wenn ich es doch tue, werde ich ______________________(Eis kaufen, eine Reise zum Legoland machen etc) Es lohnt sich.

Ps. Hast du noch weitere Ideen? Schreibe es gern!

Love & Rockets,

Madhavi Guemoes

Madhavi Guemoes
Madhavi Guemoes dachte mit 15, dass sie das Leben vollständig verstanden habe, um 28 Jahre später zu erkennen, dass dies unmöglich ist. Sie arbeitet als freie Autorin und Vollzeit-Bloggerin in Berlin und ist Mutter von zwei Kindern. Wenn sie nicht in die Tasten haut, versucht sie auf dem Kopf zu stehen. Madhavi praktiziert seit mehr als 25 Jahren Yoga - was aber in Wirklichkeit nichts zu bedeuten hat.
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  • steffine
    10. April 2013 at 19:31

    Und genau das verblasst wieder mit der Zeit.. und wenn ich es dann hier lese frag ich mich, warum vor alldem wieder ein Nebel ist.

    Ich kann so dankbar sein für das was ich habe, denn nichts ist selbstverständlich!
    Danke für die Erinnerung und das Bewusstsein durch Deine Worte!
    steffine

  • Madhavi Guemoes
    10. April 2013 at 19:33

    Danke für Deine Worte!!!! xxx Madhavi

  • Christine
    8. Mai 2013 at 12:16

    Liebe! Ich lese es erst jetzt, aber alles erreicht einen ja bekanntlich zum rechten Zeitpunkt. Immer. Vielen vielen Dank und ja, ins positive drehen. Und einfach mal die Klappe halten. : )
    Gedrückt.

  • Nadine
    21. August 2015 at 14:38

    LOL. Dieser Alltagsumgang zu Hause beschäftigt mich seit Tagen. Und ich schwanke zwischen den Gedanken „Es war ein Fehler, (mit ihm?) zusammen zu ziehen“, „Ich bin nicht gemacht, zum zusammen leben“, „Er ist doof“, „Ich bin doof“, „Alltag ist doof“. Danke, danke, danke, Madhavi. Einfach für das Spiegeln, dass meine Sorgen mal wieder ganz ordinäre sind und ich nicht „spezieller“ bin, als andere und dieses Thema zum „ganz normalen Wahnsinn“ gehört. 😉

  • Madhavi Guemoes
    21. August 2015 at 14:39

    Haha, das habe ich auch, mindestens einmal im Monat ist das komplette Familienleben doof.

  • Rebekka
    21. August 2015 at 16:19

    Mal schaun ob Deine Kinder jezt versuchen Dich zu provizieren um ihr Taschengeld aufzubessern..:) dann hast Du die nächste Achtsamkeitsübung gleich inklusive. Danke für Deine tollen Artikel!

  • aLohA*
    21. August 2015 at 17:49

    Liebe Madhavi, das kenne ich auch alles, danke Dir, dass man bei Deinem Text das Gefühl hat, nicht allein zu sein. Das einzige, was ich mich wirklich immer frage, wenn es um Inner peace geht und Dankbarkeit usw usw – ich kann das nicht zuletzt durch mein regelmässiges Yoga üben alles umsetzen – nur eine Sache kann man nicht ändern: in wen man sich verliebt. Ich habe eine große Liebe, aber er hat eine Tochter, die erst 6 ist. Wir werden nie eine Chance auf ein normales Familienleben besonders an Wochenenden haben. Es gibt Dinge, die kann man nicht ändern und diese Unzufriedenheit, die würde ich gerne loswerden – aber da ist für mich kein Yoga, kein Atmen, kein auf mich besinnen, keine noch so große Dankbarkeit, die ich aufbringe auch für kleinste Momente genug, um diese lebenslange Unzufridenheit auszuschalten. Wie ihr sagt – es hält immer für ein paar Wochen (bei mir maximal Tage) an und dann wird wieder rumgeschrien – egal, wie sehr ich mich auf sämtliche Achtsamkeit konzentriere. Dann bin ich nur traurig und wütend, dass ich nicht einen „normalen“ Familienkonstrukt habe und einen unerfüllten Kinderwunsch und man mich nicht heiraten möchte.

    Was ich sagen will, es gibt Umstände, die kann man leider nicht ändern.

    Ich wünsche allen ein *happy und ganz sonniges Wochenende* – macht euch eine schöne Zeit! Love&Peace xoxo

  • Madhavi Guemoes
    21. August 2015 at 17:55

    Ne, das machen sie Gott sei dank nicht, das war auch meine Befürchtung 🙂

  • valeriefoe
    22. August 2015 at 13:38

    Madhavi, manchmal, wenn ich deine Post lese, dann wird es mir ein wenig unheimlich. Als ob du in meinem Kopf sitzt und genau das, was da gerade so los ist, aufschreibst.
    Ich bin unzufrieden, mit dem Mann (wann haben wir uns als Paar von Liebe zu Fürsorge gewandelt?), mit den Kindern (warum müssen drei Kinder immer, immer so laut+trubelig sein?! Und dann noch die pubertierende Tochter *seufz*) und dem Job, den ich mir leichter vorgestellt habe, als er ist. Und mit mr selber, die sich zuwenig Zeit für sich selbst nicht, für Sport, Yoga, Wellness, Lesen, Freunde.
    Der Urlaub hier auf Formentera tut gerade so gut. Ich hab schon vier Bücher gelesen, Farbe bekommen (irgendwas zwischen rot+braun 😉 ), schlafe jede Nacht 10-11h (versteht mein Mann so gar nicht, dass ich schon um 22Uhr einschlafe, der schaut bis 3 jede Nacht ‚Games of Thrones‘ an), versuche einigermaßen die gesunde Ernährung aufrecht zu erhalten -trotz Weißbrot im Überfluss- und gerade sitze ich auf unsere Terrasse, sehe das Meer und surfe ein bisschen auf Facebook, beantworte Mails, lese Blogs und ignoriere die Nachrichten. Nachher geht es mit dem Rad zwei Orte weiter zum großen Supermarkt, Fisch für heute Abend und Essen für die nächste Tage kaufen. Schon komisch, diese Insel schafft es auch nach 17 Jahren, mich jedes Mal ‚runter zu bringen‘ und zu erden. Vielleicht sollte ich einfach mal hier bleiben 😉
    PS: Bei Facebook kannst du den Blick von unsere Terrasse bewundern….. Da werde ich nachher ein bisschen Gabby Bernstein und Danielle LaPorte lesen

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